Montag, 23. April 2018

Pappkameraden an der Heimatfront


Wie wird man plötzlich zum Experten für Heimat und für „die Frage, welche verschiedenen Vorstellungen von Heimat es gibt und worüber da gerade so viel diskutiert wird“? Das ZDF, Redaktion „Aspekte“, lässt (nicht ganz stilsicher) anfragen, und würde zu einem Interview auch „zu Ihnen nach Frankfurt kommen“. Dort wohne ich allerdings seit achtzehn Jahren nicht mehr. Und für ein Drittel des Jahres lebe ich noch nicht einmal mehr in Deutschland. Und diskutiert wird ja wirklich über vieles.
Jedenfalls habe ich ein paar Minuten lang gegrübelt, was mich für eine solche Anfrage qualifiziert. Denn ich habe ein eher nüchternes Verhältnis zu Heimat. Ich bin gern sesshaft, das stimmt, an verschiedenen Orten zwar, aber ich mag Deutschland. Und Frankreich und Großbritannien, überhaupt Europa. Aber Heimat? Die haben andere, meine französischen und deutschen Nachbarn etwa, und ich bestaune das und schreibe in meinen Romanen darüber: Was mag das für ein Gefühl sein, verwurzelt zu sein an einem Ort, Gemeinsamkeit und Geschichte zu teilen, die allerdings beinahe überall ihre Abgründe hat? Heimat ist für die einen Schutz und für die anderen Fessel und für viele beides zugleich. Ein Ruhekissen ist sie nie. Manchmal bin ich froh, dass ich nur Zaungast bin.
Mag sein, dass das biografische Gründe hat, meine Nüchternheit. Meine Mutter ist 1947 aus Thüringen in den Westen gegangen, wozu mein Vater ihr riet, der aus der französischen Kriegsgefangenschaft zu ihr stieß. Die beiden und meine Geschwister lebten lange „einquartiert“ und galten auch viele Jahre später noch bei manch niedersächsischem Bauern als „tolopen Pack“, aber sie sprachen bald besseres Hochdeutsch als die Osnabrücker und waren auch in anderer Hinsicht Musterbeispiele von Integration, ja: Assimilation. Nostalgische Heimatsehnsucht habe ich bei ihnen nicht erlebt, man nahm den Verlust hin, ohne sich zu Vertriebenenveranstaltungen hingezogen zu fühlen.
Von der „Volksgemeinschaft“ hatten beide die Nase gestrichen voll. Jedenfalls habe ich von ihnen eher die Lust am Einzelgängertum als die auf Anschluss.
Also: warum ich? Dann las ich ThomasSchmid. Und jetzt ahne ich, warum.
Mein alter Bekannter aus Frankfurter Zeiten, einst mit Neigung zur Militanz, später mit Neigung zu diesem oder jenem, nur nicht zur Wiedervereinigung, nach harten Zeiten und erst in späten Jahren zum Stern am Himmel von FAS und Welt aufgestiegen, neigt zu länglichen Berichten zur Lage der Zeit und hat kürzlich eine „neue Heimatfront“ analysiert, zu der offenbar auch ich gehören soll. Mitsamt anderen, „die sich fast ausnahmslos einmal zum linken Spektrum zählten“ und die nun die „gemeinsame Erklärung 2018“ unterschrieben haben.
Wuchtig konstatiert Schmid: „Wer (wie ‚wir’ 68ff., CS) die Nation, das Vaterland, den Wunsch nach Volksgemeinschaft und die Freude am Staketenzaun einfach abwirft, wird das nicht los, er oder sie schleppt viel davon weiter mit sich herum, irgendwo weggeschlossen.“
Was weggeschlossen ist, das, na? Genau: wird zum Wiedergänger. „Und dann kann, viel später, ein Moment kommen, an dem sich diese ungefähren Wünsche und Sehnsüchte zurückmelden und an die Oberfläche kommen.“ Westdeutsche Vereinzelte und ostdeutsche Verbitterte „spendet die nationale Attitude wohl so etwas wie eine neue Heimat.“ An Merkel störe all diese Sehnsüchtigen, „dass sie nichts Heimatliches habe, sie gibt keinen Halt.“ Die „sich ausgegrenzt Fühlenden“ aber „wollen sich im Schatten des nationalen Baumes ausruhen“ und verlassen nun die Hinterzimmer, in denen sie vor sich hingegrummelt haben und „streben den politischen Raum an.“
Wer da an Ratten denkt, die es aus ihren Löchern drängt, sollte innehalten: das klingt nur so, das meint der Schmid nicht, der will nur – ja, was will er eigentlich? Geht da nicht irgendwie einiges durcheinander, Heimat, national, Baum und Halt?
Und was hat das eigentlich mit der „Erklärung 2018“ zu tun? Dort steht nichts von Heimat und Staketenzaun.
Was mich an den schlichten zwei Sätzen der „Erklärung“ immer wieder erstaunt, sind die phantasievollen Interpretationen, die sie zu provozieren scheinen. Vor allem aber, wie sehr es einige lockt, aufs Menschliche auszuweichen, wenn ihnen die Argumente fehlen. Schmid ist hier Spitze: Soviel Küchenpsychologie war selten. Ob auch der alte Streetfighter etwas verdrängt hat, das er jetzt nachholen muss – Vergemeinschaftung mit der herrschenden Klasse, vielleicht? Das wird man ja nicht so leicht los, als Deutscher, oder?
Aber lassen wir die Polemik, fragen wir lieber: was ist dran an der These, dass die von ihm verorteten Unterzeichner der Erklärung 2018 an der „Heimatfront“ Haltung annähmen? Da ich sie nicht im einzelnen kenne, weiß ich natürlich nicht, welche Sehnsüchte und Wünsche sie haben, ich weiß ja noch nicht einmal, wie links sie vor ca. 40 oder 50 Jahren mal waren, finde das in diesem Kontext auch eher belanglos.
Aber ganz allgemein ist sicher eines nicht falsch: Viele von Schmids (und meiner, der etwas jüngeren) Generation haben ein gestörtes Verhältnis zu Deutschland. Viele haben sie verachtet, die „Heimatvertriebenen“, die nach dem verlorenen Krieg ihren Verlust nicht einfach hinnehmen wollten. Und dann das „Gerede“ von der Wiedervereinigung! Ich gebe zu: ich habe das auch lange von mir gewiesen; doch ebenfalls schon lange stört mich die Mitleidlosigkeit, die darin liegt. Alles Nazis, also schuldig, Frauen, Kinder, Alte? Das ist selbstzugeschriebene Kollektivschuld. Ebenso das Argument, „wegen Auschwitz“ sei Deutschland (und zu Recht) geteilt worden. Das glaubte man lediglich im Westen, wo man gern übersah, dass im Mai 1945 nur ein Teil Deutschlands befreit wurde.
Auch die These, dass es nachgeahmte „Volksgemeinschaft“ sei, die viele lustvoll habe mitmarschieren lassen, 1968ff., untergehakt, Ho Chi Minh skandierend, ist mir schon lange zu schlicht. Das haben auch andere ohne die spezifisch deutsche Vergangenheit getan. Gemeinsame Bewegung im gleichen Rhythmus hat in allen Kulturen und zu allen Zeiten etwas Mitreißendes. Auch ist es in den meisten Menschen verankert, irgendwo dazugehören zu wollen. Wer damals glaubte, deutsch nicht sein zu können, suchte sich eben irgendeine „Freiheitsbewegung“ in der dritten Welt, egal, wie obskur sie war, und machte sich zum nützlichen Idioten.
Vielleicht aber wirkte damals, 68ff, etwas anderes viel mächtiger gegen „Heimat“ und ähnliche Vergemeinschaftungen: die Individuierung, die der Markt in den 60er Jahren anbot. Da gab es mit einem Mal eine eigene, eine Jugendkultur: erschwingliche Kleidung und vor allem Musik, unsere, die wir dank Piratensendern und Kassenrekordern bald ohne die herkömmlichen Kanäle anhören konnten. Den Erwachsenen überließen wir die Caprifischer und die Heimat, die Jungen fühlten sich als Teil einer internationalen Jugendbewegung. Die Stadt war Ort der Freiheit, der Parties und Drogen, die dörfliche oder provinzielle „Heimat“ stand im Verdacht, reaktionär zu sein. (Der Euphorie folgte Katerstimmung, als die Drogen nicht mehr der Befreiung dienten, sondern in die Knechtschaft führten.) Freiheit war Bindungslosigkeit.
Ohne es womöglich zu merken, folgte manch einer der Ideologie des von allem losgelösten Individuums, das nur eine Bindung kennt: die an Mutter Staat.
Dass Familie und Nachbarschaft auch stützende Funktion haben, dass sie ein probates Mittel gegen Staatsabhängigkeit sind, ist eine Erkenntnis, die viele erst später erreicht hat. Auch, dass andere Menschen als man selbst ein positives Verhältnis zu Heimat haben, ohne Staketenzaun und all die anderen Paraphernalia des Spießertums, wie es Schmid zu unterstellen scheint, der sich unter Heimatgefühlen offenbar nur etwas irgendwie Rückwärtsgewandtes vorstellen kann.
Es gibt städtische Milieus, denen die Erfahrung ihr Leben lang erspart blieb, dass es auch in Deutschland ein Leben jenseits der Städte gibt. Das sind jene „Anywheres“, denen noch nicht einmal bei der Abstimmung über den Brexit oder bei der Trumpwahl aufgefallen ist, dass ihre Lebensweise nicht die einzig mögliche und erlaubte ist, dass es, in der Formulierung von David Goodhart, „Somewheres“ gibt. Goodhart zufolge besteht etwa die Hälfte der Bevölkerung allem Globalisierungsgerede zum Trotz aus fest Verwurzelten, während die „weltoffen“ Fluiden, die jeden Flughafen der Welt kennen, vielleicht 25 % ausmachen. Haben die „Verhockten“ hinter ihrem Staketenzaun wirklich kein „Recht auf Heimat“ oder einfach nur auf ihre Lebensweise? „Heimat“ nehmen übrigens vor allem jene in Anspruch, die es nach Deutschland, Großbritannien oder Frankreich gezogen hat und die dort in einer Parallelgesellschaft leben, in der die Bräuche der fernen verlassenen Heimat strikt eingehalten werden.
Also: was spricht gegen Heimat? Was spricht gegen späte Einsichten wie die, dass man den Wunsch danach weder ignorieren noch lächerlich machen sollte, was Schmid partout nicht lassen kann?
Und kommen wir auf den Angang zurück: Was haben solche vielleicht oder auch nicht verdrängten Wünsche und Sehnsüchte mit der „Erklärung 2018“ zu tun? Wieso steht jemand an der Heimatfront, der die Einhaltung der Gesetze fordert? Was ist national am Verweis auf den Rechtsstaat und die Demonstrationsfreiheit?
Mal ganz abgesehen davon, dass ich nichts Despektierliches darin sehe, wenn Menschen Heimatgefühle haben und dass ich jeden verstehe, dem das substanzlose Gerede von der „bunten Weltoffenheit“ auf den Zeiger geht: Sieht der alte Linksradikale Schmid wirklich keinen rationalen Grund, die Bundesregierung an Recht und Gesetz zu erinnern? Denkt er: „Danke, liebe Antifa“, wenn von Militanten und mit regierungsamtlicher Unterstützung Demonstrationen von Menschen verhindert werden, die mit der willkürlich unreglementierten Masseneinwanderung nicht einverstanden sind, zu der im übrigen noch nicht einmal das Parlament befragt wurde? Vergisst er, dass ein Sozialstaat nur im nationalen Rahmen funktioniert und dass man für diese Erkenntnis keine Heimatgefühle wiederentdecken muss?
Oder diente der ganze langatmige Essay wieder nur dem Zusammenflicken eines Pappkameraden, um gemütlich auf ihn einschlagen zu können?
Alle Argumente gegen eine Politik der Alternativ- und Kopflosigkeit, wie sie sich mit der „Energiewende“, der EU- und Eurorettungspolitik und zuletzt der Politik der offenen Grenzen und offenen Taschen nun schon seit Jahren offenbart, wären Ausfluss einer Sehnsucht nach Heimat und „Heimatschutz“ und danach, „dass Deutschland so bleibt, wie es ist“? Da lachen doch die Hühner und alle anderen gleich mit. Ist es wirklich reaktionär, sich ein Deutschland zurückzuwünschen, in dem man im Vertrauen auf Recht und Gesetz den zivilen Umgang miteinander nicht täglich neu aushandeln musste?
Auch ich möchte, dass in Deutschland das Recht regiert und nicht die voraussetzungslose und für alle Folgen des guten Willens blinde Moral. Ich habe das immer für eine erzliberale Position gehalten. Doch wenn das in Wirklichkeit konservative Heimatliebe ist, dann meinetwegen.
 

Montag, 9. April 2018

Die beste Feindin der Frau


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Wer hätte das gedacht? Wenn Frauen dürfen, tun sie, was sie wollen. Nicht, was sie sollen.
Seit Frauen, jedenfalls hierzulande, nicht mehr den Gatten fragen müssen, ob sie dieses tun oder jenes lassen dürfen, also seit etwa 1977, ist genug Zeit verstrichen, um verlässliche Aussagen darüber zu treffen, was es will, das Weib, wenn es frei ist, sich zu entscheiden.
Möchte es in die Aufsichtsräte der Republik? Begehrt es, neue Wege der Energiegewinnung zu erforschen? Möchte es auf den Mond geschossen oder an entlegene Kriegsschauplätze entsandt werden, Wolkenkratzer oder Fußgängerbrücken errichten? Nur zu! Republikweit wird Frauen der rote Teppich vor die Füße gelegt und innigst gebetet, dass sie ihn auch betreten mögen.
Doch sie tun es einfach nicht. Eine neue Untersuchung hat untermauert, was man außerhalb der Filterblase von feministischen Lobbies, Frauenbeauftragten und Politiker längst ahnt, ach was: weiß: Frauen wollen nicht massenhaft Aufsichtsrat werden. Und auch nicht Ingenieur oder Informatiker, weshalb es dort partout nicht gelingen will, die Hälfte der Führungspositionen weiblich zu besetzen, wie es politisch erwünscht ist. Der weibliche Anteil an den technischen Berufen mit den höheren Gehältern steigt trotz aller Bemühungen nicht, im Gegenteil: er sinkt, und das vor allem in den westlichen Wohlstandsländern. Einer Studie ausColumbia kann man entnehmen, dass in Ländern mit den besten Bildungschancen wie den skandinavischen der Anteil der Frauen, die mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer studieren, inzwischen bei 20 Prozent stagniert. Könnte es sein, dass sich Frauen dort, wo das private Glück dank starkem Sozialstaat nicht vor allem vom Gelderwerb abhängt, freier fühlen, ihren Neigungen nachzugehen, die offenbar auch noch ganz anders geartet sind als die der Männer?
Das hört natürlich niemand gern, der Strategien wie Quotierung und positive Diskriminierung befürwortet. Es wird schon nach wie vor das Patriarchat schuld sein, das Frauen in die Küche zu den Kindern schickt. Oder auch der konkrete Mann, der ihnen beim Aufstieg im Weg steht. Oder sexuelle Übergriffe alter weißer Männer. Und dann der Gender Pay Gap: werden Frauen nicht bei gleicher Arbeit noch immer schlechter bezahlt? Politiker profilieren sich hierzulande gern mit frauenfreundlichen Forderungen, oder besser: mit allem, was sie dafür halten. Kinderbetreuung etwa, ganztags, so früh wie möglich, damit die Mütter ungehindert arbeiten gehen können.
Aber wollen sie das? Wollen das alle Frauen? Und wollen es alle Frauen gleichermaßen?
Unzweifelhaft sollen Männer und Frauen gleiche Chancen haben. Doch sie sind nicht gleich in ihren Neigungen, und das betrifft keineswegs nur den biologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Den allerdings auch: Frauen verdienen oft deshalb weniger, weil sie, ihrer Familie wegen, auf die eine oder andere Weise weniger arbeiten. Positiv gewendet: sie arbeiten weniger verbissen an ihrer Karriere, weil sie auch noch andere Interessen haben. Und, auch das sei berücksichtigt, weil sie (männliche) Partner haben, die sie darin unterstützen.
Wenn also Quoten und positive Diskriminierung nicht das gewünschte Ergebnis haben, sofern man darunter Gleichheit zwischen den Geschlechtern versteht, dann stellt sich die Frage, ob sie nicht geradezu schaden.
Quoten auch in Bereichen, in denen Frauen in der Minderheit sind, woran übrigens auch die Verwendung weiblicher Formen anstelle des generischen Maskulinums nichts ändert, stellt die Qualifikation jeder Frau in Frage, die hier reüssiert: sie wird stets im Verdacht stehen, lediglich Quotenfrau zu sein. Noch bedenklicher: wer die unterschiedlichen Neigungen und Interessen unterschlägt, damit also die freie Entscheidung von Frauen bezweifelt, hält sie in der Opferrolle fest. Dabei werden Frauen dank politischem Druck mittlerweile überall händeringend gesucht. An mangelnder Nachfrage dürften Frauenkarrieren also nicht mehr scheitern.
Womöglich gibt es mittlerweile nur noch eins, das weiblichem Streben im Wege steht: die Frauen selbst. Lieber sieht sich manch eine als Opfer der Männer oder des Patriarchats, als sich einzugestehen, dass sie sich nicht nur entscheiden kann, sondern auch entscheiden muss. Kurz: dass sie selbst für ihr Schicksal verantwortlich ist. Um es mit Martin Luther King zu sagen: Wir sollten aufhören, dem weißen Mann die Schuld zu geben.
Freiheit erhöht Verschiedenheit. Entsteht einer Gesellschaft, deren Eliten es doch gern möglichst bunt und divers haben, dadurch ein Nachteil? Ich denke: nein.

Zuerst: NDR, Die Meinung, 8. April 2018


Dienstag, 6. März 2018

Munin - der Roman zur Lage und zur Zeit



Wer als freie Autorin arbeitet, muss auch mal Aufträge übernehmen, die einem nicht wirklich am Herzen liegen. Nur wegen der verführerischen Höhe des Honorars nimmt Mina Wolf den Auftrag an, zu einer Festschrift aus Anlass des tausendjährigen Jubiläums einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den 30jährigen Krieg beizusteuern. Viel versteht sie vom Thema nicht – aber man kann sich doch kundig machen, es soll ja keine Detailstudie werden, nur eine Art Überblick über das Große Ganze.
„Nur.“
Das Große Ganze ist immerhin Herzkammer des deutschen Traumas: als Land in der Mittellage Austragungsort eines gigantischen Schlachtens gewesen zu sein, dem alle zum Opfer fallen konnten, die Bevölkerung vor allem, aber auch die zwischen den Seiten hin- und herflutenden, von Krankheit und Hunger irre gewordene Söldner.
Mina tastet sich an das Thema heran, auf der Suche nach einer „zarte(n) Nervenfaser aus jener Zeit, über die sich ein Signal senden ließ an unser Nervengestränge.“ Eine mühselige und trostlose Suche, und das in einem herrlichen Sommer, der noch verführerischer nach draußen gelockt hätte, wären von dort nicht Signale an der Schriftstellerin empfindliches Ohr gedrungen, schriller als die Trompetenstöße vor einer Feldschlacht. Durch die eigentlich ruhige Berliner Straße, die Hälfte gepflegte Altbauten, die andere Hälfte billig hochgezogene Neubauwohnungen, schallt von morgens bis abends der misstönende Gesang einer Frau, die vom Balkon herab Arien von Callas bis Czardasfürstin zum Besten gibt, erst solo, später im noch schrilleren Duett mit der Originalaufnahme.
Der Protest der Anwohner fruchtet nicht, er ermuntert die Sängerin eher. Mina Wolf fühlt sich bald eingekreist von einer wahren Kakophonie, die nicht nur sie reizbar macht; die Nachrichten aus aller Welt stimmen düster, Kriege und Terroranschläge, Milliardentransfers von einem zum anderen Land, dazwischen abstruse Debatten über die auch noch ständig wachsende Anzahl der Geschlechter. Sie beschließt, die Nacht zum Tag zu machen, um in Ruhe lesen, denken und schreiben zu können und durch das Dunkel der Nacht einen „Pfad durch die Zeit“ zu finden.
Dabei rückt ihr der ferne 30jährige Krieg – immerhin liegt sein Beginn 400 Jahre zurück – immer näher, seine „Vorkriegszeit“ erscheint ihr wie eine „grobe Vorlage für die Gegenwart“: Klimawandel, Bevölkerungswachstum, der Bedeutungszuwachs von Religion und der eskalierende Streit darum. In der Nacht fliegen ihr die Gedanken nur so zu – auch scheinbar kleine Dinge wachsen auf, etwa, dass die Eltern sie nach der italienischen Schlagersängerin Mina genannt hatten, wegen deren Lied: „Heißer Sand und ein verlorenes Land und ein Leben in Gefahr. Heißer Sand und die Erinnerung daran, dass es einmal schöner war.
Die Ahnung, dass das gute Leben keinen Bestand haben kann, bedrängt Mina. Vielleicht, denkt sie, sind die ganzen Untergangsprophezeihungen, etwa der seit Jahren beschworene Klimawandel, nur das Menetekel einer ganz anderen Gefahr, die man nicht wahrnehmen will, weshalb „das Unglück, wie für unsere Vorfahren, aus dem Himmel“ kommen muss.
Wer sich jemals in die Geschichte des 30jährigen Kriegs vertieft hat, wer den Simplicissimus von Grimmelshausen kennt oder Schillers Schilderung der Zerstörung Magdeburgs in seiner „Geschichte des dreißigjährigen Kriegs“, der kann die Melancholie der Autorin nachempfinden, die da im Dunkeln ihren Gedanken nachgeht – und wer die Zeichen der Zeit aufmerksam verfolgt, begreift auch, worüber sie sich in der Gegenwart Sorgen macht. Der wünscht sich zugleich, er möge über ihren feinen Spott, ihren stillen Sarkasmus, ihre Leichtigkeit trotz düsterster Gedanken verfügen: Mina ist kein Jammerlappen, keine schrille „Wutbürgerin“, keine Katastrophenpredigerin, sie ist eine kluge Beobachterin, die den eigenen düsteren Gedanken mit leiser Ironie begegnet. Doch nicht nur das. Bei allem Zweifel an den eigenen Einsichten kann Mina Wolf auch kräftig zubeißen: wenn es um die „Genderscheiße“ geht, etwa, die etwas so wunderbares wie die deutsche Sprache verhunze. Gegen diesen Irrsinn, denkt sie, hatte der 30jährige Krieg doch wenigstens den Vorzug, vergangen zu sein.
Rettung ist zwar nicht nah, aber ein Wunder geschieht dennoch, in der Gestalt von Munin, der einbeinigen Krähe, die zur Gefährtin wird in der Nacht. Mit großer Geduld und mit Wurst und Hundefutter hat Mina Wolf das Tier angelockt, das sie nach einem der beiden Raben, die auf Odins Schulter sitzen, „Munin“ nennt. Hugin und Munin sind Götterboten, sie fliegen täglich um die ganze Welt, um Odin, Göttervater der nordischen Mythologie, zum Frühstück von allen Neuigkeiten zu unterrichten. Dabei ist Hugin fürs Denken, Munin für die Erinnerung zuständig. Darauf hofft Mina: Waren die Krähen nicht immer sozusagen hautnah dabei, auf dem Galgen und der Richtstatt, haben sie sich nicht auch von den Toten des 30jährigen Kriegs genährt, wie Annette von Droste-Hülshoff es in ihrem Gedicht beschrieb: „Kein Geier schmaust’, kein Weihe je so reich! In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter, das gab ein Hacken, Picken, Leich’ auf Leich“...?
Endlich hockt die Krähe bei ihr im Zimmer und beginnt zu sprechen. Wer Marons Skizze „Krähengekrächz“ kennt, wird hier einiges wiederfinden: mit feinen Strichen zeichnet sie die magische Verbindung zwischen Mensch und Tier, paradiesisch, möchte man glauben. Doch als ihre Protagonistin dem Tier Erinnertes entlocken möchte, erhält sie vielmehr Nachhilfestunde in zynischer Menschenkenntnis: die Krähe macht sich lustig über die menschlichen Skrupel, die nur verdeckten, dass sie in Not und Hungerzeiten nichts anderes als Tiere seien, die ans eigene Überleben denken, nicht an hohe Moral. „Sterben lassen, was nicht leben kann“, doziert die Krähe. Die Menschen aber würfen sich schützend über alles, was sie für schwach und hilflos hielten. Doch: „Das dümmste Tier weiß, dass es nicht mehr Nachkommen haben darf, als es ernähren kann.“
Der Roman lockt nicht nur mit einer spannenden Versuchsanordnung und mit einer zwischen Melancholie und leisem Spott changierenden Erzählerstimme. Monika Maron ist eine Meisterin darin, historische Reflexion mit der Betrachtung der gegenwärtigen conditio humana zu verbinden, so dass es gar nicht mehr sonderlich gewagt erscheint, die heutige wie die vor gut 400 Jahren für eine Vorkriegszeit zu halten.
Trifft die kühle Bemerkung der Krähe nicht genau das, was in Afrika geschieht und unaufhaltsam nach Europa drängt, wo das gebotene Mitleid zum Verhängnis zu werden droht? Zu allen Zeiten und in allen Kulturen lag kriegerischer Zündstoff in einem Überschuss an jüngeren Söhnen, die nicht in die Familiennachfolge eintreten oder einen eigenen Hausstand gründen konnten. Ihr Ventil war (und ist) Krieg. Und wo liegt der Unterschied zwischen den wehrhaften Bauern, die man im 30jährigen Krieg mitsamt Schloss verbrannt hat und, sagen wir, einem christlichen Ehepaar nahe Lahore, das von seinen Nachbarn in einen Feuerofen gesteckt wurde? Ja, natürlich: historische Analogien sind mit Vorsicht zu genießen, aber man darf und soll über sie nachdenken.
Marons Erzählerin zweifelt übrigens durchaus an ihrer von ihr selbst als nahezu zwanghaft empfundenen Neigung, immer etwas zu finden, was damals und heute verbindet, doch sie findet genug, viel zu viel davon. Zudem beginnt nun unten auf der Straße, in ihrer Nachbarschaft, ein Krieg im Kleinen. Der Versuch, sich gegen die schrille Sängerin zu wehren, bringt die Nachbarschaft erst zusammen und dann auseinander. Der Taxifahrer, nennen wir ihn „das Volk“, streitet mit den Feinsinnigen, nennen wir sie die Toleranzbürger, und ehemalige DDR-Bewohner werden wieder „vorsichtig mit dem, was man sagt.“ Der Taxifahrer, der nachts arbeitet, will tags seine Ruhe, der Audifahrer, der irgendwas mit Medien macht, behauptet kühl, man benutze die ja eigentlich hilfsbedürftige Sängerin lediglich als stellvertretendes Ziel für eigentlich ziellose Wut. Weitaus schlimmer als strapaziöse Nachbarschaften seien schließlich Atomkraftwerke und Einflugschneisen von Flughäfen. Bätschi.
Doch dann wird eine junge Frau überfallen, von zwei Männern südländischen Aussehens, sagt sie. Ihr kleiner Hund will sie verteidigen, wird von einem der Männer erstochen, worauf sie so laut schreit, dass die beiden flüchten. Über den Tod des Hundes sind viele womöglich erschütterter als über die versuchte Vergewaltigung. Mina Wolf wiederum ist sich unsicher, ob das alles zusammenhängt, aber sie beobachtet, wie sich die Straße verändert: immer mehr deutsche Fahnen hängen aus den Fenstern und einmal ertönt gar der Chorgesang deutscher Volkslieder. Man könnte meinen, dass sich da Fronten ausbilden und verhärten.
Als die Sängerin stirbt, bleiben die Fahnen hängen. In der Tat: Die Wut galt nicht ihr, aber ziellos war sie deshalb nicht. Das alles beobachtet Mina mit Bangen und Staunen. Die Krähe ist das Chaos in ihrem Kopf, eine innere Stimme, nüchtern bis zynisch, der sie nicht folgen mag, der sie aber auch nicht widersprechen kann.
Monika Marons „Munin“ ist der Roman zur Zeit und zur Lage, kein Pamphlet, nirgends schrill, eher tastend, erprobend und immer wieder richtig komisch. Es gibt wohl derzeit kein anderes Buch, in dem thematisiert wird, was viele im Land beschäftigt, von der Einwanderung der überzähligen Söhne aus bevölkerungsreichen in bevölkerungsarme Länder, von Afrika also nach Europa, bis zur Ankündigung „unserer Eroberung“, wie die Protagonistin einmal sagt, „mit Waffen und Geburtenraten.“ Letzteres hat, übrigens, der türkischePräsident Erdogan schon mehrfach angedroht.
Treffend schreibt Tilman Krause von der "Welt": Hier „entfaltet sich in kunstvollen Assoziationskreisen ganz allmählich ein Stimmungsbild zur Lage der Nation, wie man es so sprachlich beiläufig einerseits, so raffiniert historisch gespiegelt andererseits noch nicht gelesen hat.“
Anderen scheint gerade das so gar nicht zu gefallen. Die Qualität einiger Kritiken, genährt von Abwehrreflexen und zwanghafter politischer Korrektheit, verdient eine eigene Betrachtung, man darf sie womöglich so symptomatisch finden, wie einige Kritiker das Buch.
Habe Monika Maron nicht zugegeben, dass sie vor dem Islam Angst habe? Und heißt es nicht über sie, sie sei rechts? Daraus schließt ein Rezensent messerscharf, in der Figur der Erzählerin gebe sich die Autorin zu erkennen. Eine andere Besprecherin findet ebenfalls nichts dabei, Autorin und Erzählerin in eins zu setzen, sie behauptet, „dass Monika Maron alles zusammenrührt, was ihr Angst und Sorgen bereitet“. Eine weitere Stimme: „Kaum verhohlen lässt sie ihre Protagonistin Ressentiments äußern, die keine erzählerische Notwendigkeit besitzen“, was den Kritiker zum Eindruck verführt, „dass manche Ansichten vor allem ein Ventil sind für die angestauten Meinungen der Autorin.“ Die Geißelung der Autorin für die Empfindungen der Erzählerin wäre das Ende der Literatur unter dem Diktat dessen, was gerade als politisch korrekt empfunden wird.
Selbst in der Süddeutschen spürt der ansonsten lobende Kritiker „eine Zustimmung heischende Darstellung des AfD-haften Wutbürgerressentiments durch die Erzählerin“, immerhin: nicht durch die Autorin. Was soll das? Die Erzählerin teilt hier und da die Verwirrung und Entgeisterung im Lande, Empfindungen, die dem Rezensenten offenbar so wenig vertraut sind, dass er sie unter Ressentiment ablegt, die nur ein Wutbürger haben kann, der AfD wählt. Dem Buch wird also vorgeworfen, dass die Protagonistin hellsichtiger ist als sein Rezensent.
Wie wäre es, wenn man umgekehrt solcherlei „Buchkritik“ als Beleg dafür nähme, dass die Sitten auch hier verrohen, indem Zensurwünsche einziehen? Wäre das der Stand heutiger Literaturkritik, wäre es schlecht um sie bestellt. Und tatsächlich: der Höhepunkt ist mit diesen Beispielen noch nicht erreicht. Die Palme gebührt dem Hessischen Rundfunk für eine „Buchempfehlung“, die am Ende keine sein darf.
Zunächst lobt die Rezensentin. Doch als es im Buch um eine „kopftuchtragende Bevölkerungsexplosion“ (sic!) gehe und gar noch um eine Vergewaltigung durch zwei südländisch aussehende Täter, dem die Autorin nichts entgegensetze, ist für sie „eine Grenze überschritten“. 
Wie? Die Autorin soll sich von der Erzählerin distanzieren? Und die wiederum soll die Aussage des Opfers einer Vergewaltigung anzweifeln? Ein in den Zeiten von „Me too“ bemerkenswert antifeministisches Ansinnen. Solch Urteil verdankt sich offenbar einer anderen Einschätzung, nämlich folgender: Marons Buch sei „ein Beleg dafür, dass die bürgerliche Mitte scheinbar unaufhaltsam nach rechts rutscht.“ Da ist wohl vor allem der Rezensentin einiges verrutscht. Zum einen hat die Vergewaltigung im Roman gar nicht stattgefunden. Zum anderen darf auch in der Literatur vorkommen, was zur Realität gehört. Oder darf man sich nur von alten weißen Männern bedroht fühlen? Maron überdies die Beweislast für bürgerliche Rechtsdrift aufzudrücken – ach, was soll’s. Dazu fällt einem wirklich nichts mehr ein. Der Kampf gegen rechts scheint manch eine blind zu machen.
Nicht nur Philipp Tingler im „Literarischen Quartett“, auch Tilman Krause in der „Welt“ hat gemerkt, was den anderen entgangen ist. Er erkennt „in der Heldin eine Suchende (...), die sich die gleichen Fragen stellt wie wir alle, denen nicht die Ideologie im Kopf schon alle Antworten gibt.“