"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Mittwoch, 24. Dezember 2014

Populisten, Pöbel und Politiker

Reden wir mal nicht vom „Wutbürger“, von „Nazis in Nadelstreifen“, von kindlichen Gemütern, die Rattenfängern nachlaufen, welche dumpfe und krude Thesen verbreiten, von Ängstlichen und Verwirrten, von den Populisten und dem Pöbel. Reden wir statt dessen von pöbelnden Politikern. Vom Wutpolitiker.
Was sich da in den letzten Tagen über fast 20 000 unter der ungewöhnlichen Parole „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ demonstrierende Menschen in Dresden ergießt, Menschen, von denen man im Einzelnen gar nichts weiß, könnte man, wenn man pathetisch wäre, den Untergang politischer Gesprächskultur in diesem Lande nennen. Hier wird nämlich nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gespuckt und gespien – was man offenbar darf, wenn es sich um Nazis handelt, weshalb es sich empfiehlt, die zu maßregelnden Bürger vorwegnehmend gleich als solche anzusprechen.

Ganz altertümlich gesagt: das gehört sich nicht. Es beendet jede Diskussion. Und wenn man sich fragt, was SPD-Genossen wie Thomas Oppermann und Ralf Jäger reitet – ganz zu schweigen von Finanzminister Schäuble, der den politischen Gegner zur „Schande für Deutschland“ erklärt – dann liegt die Antwort womöglich genau hier: man will die Diskussion gar nicht erst zulassen.

Das gilt auch für jene, die sich verständnisvoll herabbeugen wollen zum dummen Volk, dem man dieses oder jenes einfach besser erklären müsse. Denn auch sie schweigen von den eigenen Versäumnisse, über die das dumme Volk längst belehrt ist, sie sind ja nicht zu übersehen: Wenn Zuwanderung eine Bereicherung sein soll, muss das Einwanderungsland sie steuern können. Zu einem Einwanderungsgesetz aber hat man sich bislang nicht durchringen können. Dass integrationsunwillige Gemeinschaften mit zunehmender Anspruchshaltung keine Bereicherung sind, kann man schwerlich leugnen. Und dass es einheimische Gemeinden gibt, die gern Flüchtlingen in Not helfen wollen, aber nur zehn unterbringen möchten, weil fünfzig sie überfordern würden, weist ebenfalls nicht auf Ausländerfeindlichkeit verstockter Einheimischer hin, sondern womöglich nur auf eine realistische Einschätzung der Lage. Der moralische Appell an angeblich ausländerfeindliche Deutsche verdeckt im übrigen, dass wir von einer vernünftigen gesamteuropäischen Handhabung des Flüchtlingsproblems weit entfernt sind.

Auch das Argument, in Dresden gäbe es doch kaum Muslime, warum man sich also vor einer Islamisierung fürchte, unterstellt, dass der Normalbürger nicht über den Tellerrand hinausschauen kann. Hat nicht auch Angela Merkel erst durch eine Erdbebenkatastrophe im fernen Japan gelernt, sich vor Atomkraft zu ängstigen?

Wer den Vormarsch islamistischer Fanatiker zur Kenntnis nimmt, kann kaum anders als Furcht empfinden: vor Terroristen, die im Namen ihrer Religion Kinder massakrieren, Geiseln enthaupten, Frauen steinigen, und das auch noch gern vor laufender Videokamera. Und sollte nicht auch der sich fürchten dürfen, der es unerträglich findet, wenn auf deutschen Straßen muslimische Demonstranten antisemitische Parolen grölen? Ich gestehe, dass mich das weit mehr abstößt als die paar Ultrarechten, die in Dresden mitlaufen mögen.

Dass hier „Ängste“ eine Rolle spielen, gern auch diffuse, ist keine Frage: doch sind sie nicht sonst stets willkommen? Vorm Klimawandel darf man sich fürchten, ja, man muss es sogar, sonst gibt es keine Rechtfertigung für die enormen Kosten der verfehlten deutschen Energiepolitik. Auch vorm Atom, vor dem Kapitalismus, vor den Finanzmärkten darf man Angst haben - solange die Teilnehmer etwa an „Occupy“ jung sind und moralisch überlegen auftreten, gelten sie als mutige Widerständler. Was aber sind die Mittelbürger auf Dresdens Straßen? Klar: rückwärtsgewandte Dummköpfe.

Das Vertrauen in Politik und Medien ist nicht erst seit gestern erschüttert und die „Alternative für Deutschland“ ist nicht vom Himmel gefallen, ebenso wenig die Niederlage der FDP: auch hier hat die Behauptung, wer Argumente gegen den Euro vortrage, votiere gegen „Europa“, zum Ende der Diskussion geführt, jedenfalls im Bundestag. Das ist autoritäre Konsensdemokratie, die zum Widerstand geradezu herausfordert.

Und im übrigen: die ärgsten Populisten sind jene „Volksparteien“, die große Mehrheiten brauchen, also viele Wähler, bei denen sie sich populär machen müssen – mit teuren Wahlgeschenken.

Eines scheint gewiss: Der Trick hat sich verbraucht, alles unter Naziverdacht zu stellen, was vom Parteienkonsens abweicht. Der Bürger hat das Spiel durchschaut: es ist ein Ablenkungsmanöver.

NDR Info, Die Meinung, 21. Dezember 2014

Donnerstag, 6. November 2014

Nebelwerfer 8: Nachhaltiger Nachhall

Halten zu Gnaden! Der nachhaltige Missbrauch der deutschen Sprache könnte nachhaltig missmutig machen. Müßig, denn das aktuelle Wieselwort ist nicht aufzuhalten, auch wenn man ganz und gar nichts davon hält. Niemand scheint sie davon abzuhalten, die Menschen und Marken, Produzenten und Politiker, Werber und Beworbene, alles, was ihnen gut und edel dünkt, mit dem Markenabzeichen „nachhaltig“ zu versehen. Der nachhaltige Wortmissbrauch tarnt sich naturschützerisch: Seit „Mein Freund, der Baum“ denken offenbar alle guten Menschen an den Wald, wenn es ums richtige Leben im Falschen geht.
Das Wort der Stunde kommt nämlich aus der Forstwirtschaft. Dort waltet der Waldvogt nach der Devise: man soll nicht mehr Bäume schlagen, als nachwachsen, wenn man langfristig Gewinn erwirtschaften will. Das ist nichts anderes als gut kalkuliert, aber deshalb noch lange kein Grund dafür, dass plötzlich alle so reden, als ob sie im Wald stünden. Niemand vermag für jeden Obstsalat ein Apfelbäumchen pflanzen. Mal abgesehen davon, dass das Waldsterben seit dem Ende der Segelschiffahrt, also seit fast zweihundert Jahren, vorbei ist.
Der Charme des Wortes könnte auch ganz woanders liegen. Klingt „nachhaltig“ nicht erstaunlich ähnlich wie jenes „Maul halten“, das heutige Lehrer ihren Schülern nicht mehr zurufen dürfen, obwohl sie im Unterricht anhaltend stören? Wer von sich behauptet, „nachhaltig“ zu leben, trägt oft die Strenge des Wortes im Gesicht. Das mag vom nachhaltigen Nachdenken herrühren: forstwirtschaftlich sinnvoll wäre, auf die Menschheit bezogen, die Geburten- an die Sterberate zu koppeln. Da mag sich dann jeder selbst ausrechnen, inwieweit seine Existenz mit dem Gebot des Ressourcensparens zusammengeht. Früher ableben? Freiwillige vor!
Nachhaltig ist das neue Bio oder Öko oder Logo. Auf der Zunge zergehen lassen kann man sich das nicht. An so einem Brocken muss man kauen. Langfristig, fortgesetzt und entschieden.*

*Synonyme für „nachhaltig“ aus dem Duden

Montag, 3. November 2014

Der Ton der siebziger Jahre

Am Tag nach dem Ende des Krieges kam die Rache in Gestalt der Geschundenen und Entrechteten aus dem Zwangsarbeiterlager der Nazis nahe dem österreichischen Zinkenbach. Sie jagten die deutsche Familie davon. Und wie sie rannten, der sechsjährige Henning, sein jüngerer Cousin, die Mutter, die Tante. Rannten barfuß Richtung Norden, vier Monate lang, bettelten und stahlen, schufteten für dünne Wassersuppen und lernten die hässlichen Deutschen kennen: vollgefressene Bauern ohne Mitgefühl. Das vergisst einer nie, dieses Fette, Wurstige, wenn er sich einmal von Gras hat ernähren müssen. Der vergisst auch nicht, dass die Amerikaner so etwas Sinnloses weil Unnahrhaftes wie Kaugummi erfunden haben. Und der weiß fürs Leben: "Meide den deutschen Bauernhof! Es sei denn, du besitzt eine Schusswaffe oder ein bisschen Familienschmuck.“

Was Henning gelernt hat, vergisst Venske nimmermehr. Wenn man die ersten Seiten des 441 Seiten starken Buchs gelesen hat, das Henning Venske "Biografie“ nennt, dann glaubt man, ihn zu verstehen: ein barfüßiger Flüchtlingsjunge besitzt gar nichts mehr, außer ein paar gewonnenen Überzeugungen, das ist portable Heimat, die gibt er nie mehr her. Und noch etwas glaubt man zu verstehen: dass so einer immer irgendwie auf der Flucht ist.
Henning Venske, geboren 1939 in Stettin, war in seinem Leben vieles, Schauspieler, Regisseur, Moderator, Autor, einer von der "Sesamstraße“, Macher bei "Pardon“ und Kabarettist bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Vor allem aber war er immer er selbst, kenntlich am scharfen Ton des Besserwissers, der schnellfeuermäßig alles Übel der (westlichen) Welt herunterbeten kann, aber treuherzig versichert, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR sei gegründet worden ist, um alte Nazis zu jagen.

Das ist der Ton der siebziger Jahre. Wer dabei mit dem Kopf nicken möchte, wird in Venskes Philippika gut bedient; wer die Wirklichkeit im Buch nicht wiederfindet, kann sich damit trösten, ein zeithistorisches Werk in Händen zu halten: ja, so haben viele damals geglaubt. Dass die Deutschen wurstfressende Scheusale sind, immer noch halbe Nazis, dass Adenauerdeutschland prä- oder proto- oder sonstwie faschistisch war und dass es der 68er bedurfte, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Dass die DDR dann doch irgendwie das bessere Deutschland war, dass die Amerikaner dumm und gefährlich sind, und dass die Russen ihre Kinder lieb haben.

Dabei wäre über Henning Venske so viel mehr zu sagen, wenn man es nicht ihm selbst überlassen hätte. Die Schulzeit: wer will das alles wissen? Dass er in der Schule fast gescheitert wäre, lag natürlich an „unfähigen präpotenten Arschlöchern“, vulgo: Pädagogen. Geschenkt. Die Zeiten als Schauspieler und Regieassistent bei Boleslaw Barlog oder Fritz Kortner: lieblos heruntererzählt. Die Kollegen: alle ganz wunderbar, bis auf Lilo Pulver, die Venske für einen Kommunisten hielt, womit sie nicht ganz falsch lag. Erheiternd allerdings, wie Venske mit Samuel Beckett gegen den Beckett-Versteher Bernhard und Größtmimen Minetti konspirierte.

Die Bilanz: „Einmal durchs Abitur gefallen, Studium abgebrochen, Schauspielschule abgebrochen, (...) Schillertheater abgebrochen, Thalia Theater abgebrochen, Fernsehansage abgebrochen.“ Man musste Henning Venske nicht rausschmeißen, er ging meistens selbst – immer nach ein bisschen Krawall und mit dem Trotz eines wütenden Kindes. Dabei hätte das Größe haben können: hier geht ein Unbeugsamer. Aber es ging immer auch ein Unbelehrbarer, der sich, trotz Geldnot, auf 250 000 DM für einen Fernsehwerbespot nicht einlassen konnte – nicht des Inhalts wegen (es ging um ein Rasierwasser), sondern weil er 300 000 Mark wollte.
Und doch ging es immer irgendwie weiter. Venske moderierte „Musik aus Studio B“, eine Schlagersendung, die er öffentlich "eine Sendung für Blöde“ nannte. Er wurde fristlos gefeuert. Seine nicht gerade unzutreffende Kritik an den aufgeblasenen Apparaten der öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalten trug ihm Haus- und Mikrofonverbote hier und dort ein – allerdings nahm man ihm damals auch linke Sottisen übel, für die man heute das Bundesverdienstkreuz bekäme.

Seine acht Jahre bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist dem deutschen Kabarett nicht gut bekommen. Aus dem fünften und letzten Programm mit Dieter Hildebrandt 1990 zitiert Venske mit Genugtuung die „düstere Erkenntnis“: „Wenn die Wiedervereinigung vollzogen ist, dann steht fest: der Zweite Weltkrieg wurde vergeblich geführt, und wenn die Mauer ganz und gar verschwunden ist, dann ist auch das letzte Zeichen für den verlorenen Krieg verschwunden.“ Keine Ahnung von Geschichte haben und die deutsche Teilung für die „Strafe“ für Auschwitz halten – das ist O-Ton linker Salon. Wenn man es küchenpsychologisch sieht: da ist er wieder, der kleine Henning, der einen Grund für seinen Hunger sucht.

Henning Venske biografisches Werk leidet nicht unter Komplexität, vieles wird humorlos abgehakt, ausgefeilte Prosa sucht der Leser vergebens. Kein einziges der alten programmatischen Gepäckstücke wird im Laufe der Erzählung abgelegt, Selbsterkenntnis oder gar –kritik ist nicht die Sache des Autors. Doch, einmal blitzt etwas auf, als es um den Tod seiner beiden einst drogenabhängigen Kinder Nicolaus und Louise geht, womöglich in Spätfolge. Hat das vielleicht doch mit ihm zu tun, mit seinem eigenen Shitkonsum, den er, wie er sagt, romantisch verklärt habe und der ihm „schwarze Melancholie“ eingebrockt hat?
Das ist der Moment, wo man den 75jährigen Venske schütteln und an den sechsjährigen Henning erinnern möchte, an ein Kind, das man heute traumatisiert nennen würde. Manchmal werden aus solchen Kindern tieftraurige Erwachsene.

Über Henning Venske, Es war mir ein Vergnügen. Eine Biographie, 441 Seiten, Westend Verlag Frankfurt am Main 2014, in: FAZ,25. Oktober 2014

Sonntag, 7. September 2014

Der kleine Aktivist - Nebelwerfer 6

Aktiv ist attraktiv. Ein Mittel gegen den unwirschen Darm heißt deshalb Aktivkohle, Putzmittel wirken aktiv gegen Schmutz, Senioren sind nicht nur vital, sondern auch rundum aktiv, und wer es besonders gut meint, wird proaktiv tätig, agiert also, bevor er aktiv wird, was eigentlich doppelt gemoppelt ist, aber egal: doppelt hält besser.
Wenn aktiv was Gutes ist, muss ein Aktivist ja wohl ein besonders Guter sein. Der legendäre Adolf Hennecke war so einer, ein Bergmann, der am 13. Oktober 1948 im Karl-Liebknecht-Schacht 24,4 Kubikmeter Kohle schlug und damit das Soll mit 387 Prozent übererfüllte. Dafür erhielt der Genosse 1,5 Kilogramm Fettzulage, drei Schachteln Zigaretten, eine Flasche Branntwein, 50 Mark Geldprämie sowie einen Blumenstrauß des Kollektivs. Seinetwegen gab es in der DDR hinfort an jedem 13. Oktober einen „Tag der Aktivisten“, was die anderen Malocher allerdings nicht so spaßig fanden. Merke: aktiv ist nicht immer attraktiv. Als Aktivist galt übrigens nach 1945 auch ein Mitläufer der Nazis. Bewegung ist nicht alles.
Gut, das ist Geschichte. Heute ist ein Aktivist rundum prima. Man muss sich nur bekennen oder engagieren oder etwas aufzeigen oder den Finger in die Wunde legen, dagegen sein oder dafür sein und deswegen auf die Straße gehen – schon ist man einer. Als „Greenpeace-Aktivist“ gehört man zum Adel des Aktivistentums, edler sogar als ein „Aktiver“ im Fußballverein und nicht zu vergleichen mit der „Aktiven“, die unsere ungesunden Vorfahren rauchten.
Neuerdings ist jeder ein „Aktivist“, der irgendetwas tut, und taucht in den Nachrichten als wichtiger Akteur der Weltgeschichte auf, auch wenn nicht jeder den Nutzen von attac oder Peta einzusehen vermag. Dann schon lieber Cannabis-Aktivismus.
Zum Nebelwerfer wird der Aktivist, wenn man in den Nachrichtenredaktionen Terrorismus nicht mehr von anderen Freizeitaktivitäten unterscheiden kann. Das wäre ein Anlass, darüber nachzudenken, ob das Gute nicht auch das ist, was man lässt.

In: Schweizer Monat, September 2014

Sonntag, 3. August 2014

Warum der Westen gewinnt und doch verliert

Dass man gewinnen und doch verlieren kann, erleben westliche Demokratien seit Jahrzehnten. Insofern ist die Prognose nicht sonderlich gewagt, dass Israel im Schlagabtausch mit der Hamas auf militärischer Ebene allein nicht siegen wird. Das folgt aus dem, was man „asymmetrische Kriegsführung“ nennt: keine reguläre Streitkraft behauptet sich auf Dauer in einem Partisanenkrieg ohne entsetzliche Menschenopfer. Denn es liegt in der Logik des Guerillakrieges, die Logik der staatlichen Streitkräfte außer Kraft zu setzen, die auf der strikten Trennung zwischen kämpfenden Truppen und Zivilbevölkerung beruht. Partisanen aber bewegen sich, wie Mao einst predigte, im Volk wie ein Fisch im Wasser. Wer sie schlagen will, schlägt also stets das Volk. Dagegen ist jede reguläre Armee hilflos. Sie verliert immer auch moralisch, und das ist heutzutage die Münze, in der vor der Weltöffentlichkeit bezahlt wird.
Dass das Volk es nicht groß mitkriegt, wenn seine Armeen sich bekämpfen, wie es der alte Fritz einmal formulierte, verdankt es dem Gewaltmonopol des Staates, das Selbstjustiz und Stammesfehden ein Ende setzte. Nur der „Kombattant“, der an seiner Uniform erkennbare Soldat, galt in regulären Schlachten als legitimes Ziel. Man schoss nicht auf Zivilisten. Entpuppten sich Zivilpersonen jedoch als Angreifer, mussten sie nicht mehr verschont werden. Im Gegenteil: die Rache war meist entsetzlich. Und immer traf es am schlimmsten den Ort und die Menschen, von denen man annahm, dass sie den Partisanen Schutz gewährt hatten. Im sogenannten Volkskrieg steht das Volk zwischen zwei Feuern.
Wer sich an die Regeln hält, hat schlechte Karten, sobald die gegnerische Seite es nicht tut. In der Geschichte des Krieges war er stets besonders blutig, wenn es „asymmetrisch“ zuging, wenn also die regulären Truppen einer Staatsmacht mit dem Monopol auf Gewalt auf Gegner traf, die sich als Irreguläre verstanden: als Freiheitskämpfer gegen eben diese Staatsmacht, als Aufständische, Freischärler, Partisanen, Terroristen oder Guerilleros. Der Namen sind viele, die Opfer sind immer die gleichen: das Volk, in dessen Namen sie zu kämpfen behaupten, obzwar ihre Legitimität nur aus den Gewehrläufen kommt.
Das Volk wird selten gefragt. Denn seine Toten sind die beste Waffe.
Wir sehen es nicht nur im derzeitigen Konflikt zwischen der israelischen Armee und der Hamas: eine Armee, die versucht, sich an die Regeln zu halten, zieht den Kürzeren, wenn der Gegner sich im Schutz der Zivilbevölkerung bewegt. Jeder Angriff auf einen Feind, der seine Munitionsdepots and Abschussrampen in der unmittelbaren Nähe oder sogar in zivilen Einrichtungen unterhält, erzeugt „Kollateralschäden“ unter den Zivilisten, also nicht beabsichtigte Wirkungen, und erntet damit weltweite Empörung. Wer aber anklagend die getöteten Kinder vorzeigen kann, hat die Weltöffentlichkeit auf seiner Seite.
Jedenfalls die Öffentlichkeit jenes Teils der Welt, in dem man vom Lebensrecht jedes einzelnen Individuums ausgeht, nennen wir ihn „den Westen“. Wer indes heilige Kriege erklärt, nimmt es mit dem einzelnen Todesopfer entschieden weniger genau. Saddam Hussein verkündete einst, er könne Millionen junger Männer in die Schlacht schicken, während die westlichen Memmen, die altenrden Gesellschaften mit ihrem immer selteneren und daher kostbareren Nachwuchs um jeden einzelnen ihrer Soldaten bangten. Den gleichen Zynismus findet man bei der Hamas, die das Volk, dessen Interessen sie angeblich vertritt, zum freiwilligen Selbstopfer auf den Dächern Gazas auffordert. Denn jedes tote Kind ist in der Propagandaschlacht ein Argument – die Propaganda der Bilder ist wirksamer als der Triumph der Waffen.
Diese Bilder treffen auf „edle Seelen“, wie schon Saddam Hussein spottete, nämlich auf westliche Menschen, die sich bei jedem von israelischen Salven getroffenen Kind mitgetroffen fühlen. Israel, die einzige Demokratie im nahen Osten, die westliche Werte vertritt, unterliegt der ebenso heftigen wie ungerechten Kritik, weil es eben zu unserer Wertegemeinschaft gehört. Eine mitfühlende Öffentlichkeit versteht das zynische Kalkül der Hamas nicht, das genau darauf setzt: dass in unserem Empfinden schon ein totes Kind eines zu viel ist. Für zum Märtyrertum bereite Palästinenser aber mag das Menschenopfer als nötig empfunden werden, weil es auch gegen die stärkere Waffenkraft der Israelis von weit größerer Wirkung ist.
Bei aller Kritik, vor der man sich Israel gegenüber nicht scheuen muss: das ist das eigentliche Drama. Man verstößt unweigerlich gegen westliche Werte, wenn man sie verteidigen muss, schon, weil der Gegner dafür sorgt. Das ist das Paradox, das die westliche Welt lösen muss, wenn sie überleben will.

Die Meinung, NDR-Info, 3. August 2014

Donnerstag, 31. Juli 2014

Nebelwerfer 7: Alle für Alle!

Ein Geist weht durchs Land. Von der Arztpraxis bis zum Getränkemarkt, vom Fitnes-studio bis zum Baumarkt begrüßt uns „Ihr Team“, fröhliche, zupackende Menschen, die nur darauf warten, die Welt aus den Angeln zu heben. Teamgeist ist top. Der Kunde freut sich am offenbar guten Betriebsklima und daran, dass sich „Team“ erheblich unkomplizierter sagt als „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“. Am Praxisteam schätzt ins-besondere der ältere Bürger, dass er sich die Namen all der vielen Arzthelferinnen nicht mehr merken muss. Und wer denkt bei Teamgeist nicht an Teen Spirit? Oder an den großen, guten Zeitgeist? Oder ans Racing Team, also an Mut, Ausdauer und Geschwindigkeit?
Und doch: könnte es sein, dass hinter der Kurzform, die lautmalerisch ein Smily ergibt, ein Missverständnis lauert?
Ein Team hält zusammen. Einer für alle, alle für einen. Genau: auch die drei Musketiere sind ein Team. Ein Team ist etwas, das auf Gedeih und Verderb zusammensteht, fürs Gute und gegen das Böse, also: gegen all die Feinde in der Welt dort draußen. Dies Bild vor Augen, könnte es einem auch gruseln, wenn einem so ein Team gegenübertritt.
Der Kunde weiß: es will nur sein Bestes, sein Geld, etwa. Die Teamster aber wissen: den Kunden führt die reine Not in den Bau- oder Getränkemarkt, denn er sieht ja, dass er bei umfangreichen Lagerarbeiten, Computerproblemen oder dringendem Gesprächs-bedarf stört. Wagt er darob aufzumucken, fliegt der Teamgeist auf und lässt ihn schnöde abfahren. Gegen ein schlagkräftiges Team sieht jeder Kunde alt aus.
Was also ist ein Team? Eine Verheißung? Eine Drohung? Oder, wie der ebenso miss-verständliche „Partner“ bei „meiner“ Versicherung, nur ein weiteres Beispiel aus dem unerschöpflichen Köcher des Nebelwerfers?
Warum wohl heißen die Sieger der Fußballweltmeisterschaft 2014 überall nicht „Team“ und schon gar nicht „Dreamteam“, sondern ohne auch nur die Andeutung eines Lächelns „Mannschaft“? Eben. Sie tun nicht als ob. Sie machen den Ball rein, das ist alles. Und mehr wollen wir auch gar nicht. Wir, ihr Zuschauerteam.



Dienstag, 29. Juli 2014

So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so.

Kaum ein eingefleischter Fußballfan vermochte sich zu erregen über den Berliner Triumphgesang von La Mannschaft nach dem Sieg – das Bild vom Besiegten, der geduckt vom Schlachtfeld wankt, während der Sieger strahlend die Heldenbrust zeigt, gehört zum Fanritual. Man ist dort nicht auf Feinheiten abonniert. Edlere Seelen aber erkannten im Siegestanz der Nationalelf die Demonstration deutscher Überlegenheit, ja geradezu Herrenmenschentum. Dem Land der Hunnen und Barbaren gebührt der geduckte Gang und nicht die strahlende Siegerpose. Kurz, da ist sie wieder, die ewige Frage: Wer sind sie, "die Deutschen"? Bestien oder Feierbiester?

In der angstvollen Überprüfung des Nationalcharakters schwingt die Vorstellung mit, zwei verlorene Weltkriege und die Verbrechen, die von Deutschen und in ihrem Namen unter der Hitler-Herrschaft begangen wurden, hätten etwas mit einem urdeutschen Wesen, einer Art genetischem Code zu tun. In den Siebzigerjahren forschte eine betroffene Generation der Nachgeborenen nach dem "Hitler in mir", in den Neunzigerjahren machte das Buch von Daniel Goldhagen Furore, das den Deutschen "eliminatorischen Antisemitismus" nachweisen wollte. Weniger exotisch ist die Herleitung deutscher Eigenart aus einem "Sonderweg", der das Land über viele Generationen hinweg ins Abseits geführt habe. Kein Wunder also, dass es manch einer unschicklich findet, wenn die Deutschen "unschuldig" sein wollen, und sei es nur am Ersten Weltkrieg.

Dass Christopher Clarks Buch über den Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland ein Bestseller wurde, gibt kritischen deutschen Beobachtern denn auch zu denken. Wollen seine Leser Clarks Thesen "instrumentalisieren", wollen sie sich "entlasten"? Und steckt dahinter nicht die alte "deutsche Krankheit Selbstmitleid"? So argumentiert Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in der "Süddeutschen Zeitung". Der jüngst verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler sagte es deutlicher: Der Verkaufserfolg von Clarks Buch verrate "ein tief sitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis, sich von jenen Schuldvorwürfen zu befreien", die seit Fritz Fischers Thesen über den deutschen "Griff nach der Weltmacht" hierzulande Konsens sind, jedenfalls in vielen Klassenzimmern und Redaktionsstuben. Auch der Historiker Heinrich August Winkler wittert bei Christopher Clark "relativierende Darstellungen" und "nationalapologetische Tendenzen", was nicht nach Lektüreempfehlung klingt.

Nicht so sehr der wissenschaftliche Wahrheitsgehalt von Clarks Studie steht also hier auf dem Prüfstand, sondern vielmehr das, was "entlastende" Darstellungen im deutschen Gemüt anrichten könnten. Gauchotänze, womöglich. Und so fordert man die Fortsetzung der deutschen Nabelschau, mit der in der Tat nicht nur Christopher Clarks Buch aufräumt, auch die großartigen Studien von Herfried Münkler, Jörg Friedrich oder Jörn Leonhard tun es, auf je unterschiedliche Weise.Hier entpuppt sich das Deutsche Reich, im Kontext betrachtet, als Schurke neben anderen; die Zocker in Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und England teilen sich mit ihm die Verantwortung für den millionenfachen Tod von Männern auf dem Schlachtfeld und Frauen, Alten und Kindern an der "Heimatfront". Das ist nicht erst heute Forschungsstand – allerdings vor allem außerhalb Deutschlands.

Entlastet das "die Deutschen"? Gewiss. Schließlich hatten nur wenige, die damals starben, direkte Verwandtschaftsbeziehungen zum Kaiser oder dem deutschen Generalstab. Es verblüfft, wenn ausgerechnet ein Historiker keinen Unterschied mehr macht zwischen Volk und Regierung oder Führungseliten.
Hier offenbart sich, wohl in Entgegensetzung zu einer vermuteten "Nationalapologetik", ein verklemmter "negativer Nationalismus", der an deutscher Selbstbezichtigung fest-hält, ein illiberaler Geist, dem alles suspekt ist, was den irgendwann einmal erreichten "Errungenschaften" der Erkenntnis widerspricht.
Zur Freiheit des Denkens aber gehört, dass von Überzeugungen Abschied genommen werden kann, wenn neue Evidenzen ihnen widersprechen. Wissenschaftliche Erkenntnissuche kann sich nicht davon abhängig machen, ob sich darob irgendein Mensch mit womöglich hässlicher Weltanschauung "entlastet" fühlt.

Insbesondere Wirschings Ironisierung der angeblich selbstmitleidigen deutschen Psyche, der er "Sehnsucht nach einer historisch unbelasteten, gleichsam 'unschuldigen', vielleicht bloß 'normalen'" historischen Rolle attestiert, ist nicht nur ungerecht, sie offenbart auch eine verblüffende Mitleidlosigkeit. Tatsächlich bedeutet eine "Entlastung" durch die schlichte Aussage, dass der Erste Weltkrieg eine gemeinsam herbeigeführte Tragödie war, vielen Deutschen einen lange verschütteten Zugang zu ihren Urahnen: Es erlaubt die Trauer um die Gefallenen und Gestorbenen, um Soldaten, die sich zur Verteidigung des Vaterlands ebenso selbstverständlich aufgerufen fühlten wie die Frankreichs oder Englands, weshalb sich übrigens an den Kriegsfronten keineswegs ausschließlich "nationalistischer Hass" austobte. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Bei-spiele von Verbrüderungen.

Warum sollte man also jenen Deutschen Erleichterung verübeln, die bislang den im Schützengraben traumatisierten Uropa für einen Kriegsverbrecher gehalten haben oder der goebbelsschen Lüge auf den Leim gingen, Adolf Hitler habe sich seinen Antisemitismus bei den Kameraden im Ersten Weltkrieg abgeguckt?
Man muss nicht noch hundert Jahre später die damalige britische Propaganda nachbeten. Lehrreich ist die heutige Debatte in Großbritannien, wo man im selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte den Deutschen in nichts nachsteht: Dort kritisieren Historiker eher linksliberalen Zuschnitts den unreflektierten Nationalismus manch britischer Zeitgenossen, die sich noch heute rühmen, man habe 1914 einen gerechten Krieg gegen Hunnen und Barbaren geführt. Die negativen Nationalisten hierzulande befinden sich also in bester nationalapologetischer Gesellschaft mit den Jingoisten jenseits des Kanals.

"Entlastung" im Blick auf den Ersten Weltkrieg ist keineswegs ein erster Schritt zu einer Relativierung deutscher Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Wenn man schon über Errungenschaften redet, dann steht doch diese nicht infrage: Wir dulden hierzulande – als Deutsche – keinen tobenden antisemitischen Mob auf den Straßen, egal, welcher Provenienz. Wer das als "Islamophobie" kritisiert, schürt sie.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wenn die Politik poetisch wird und die Literatur politisch


Die Politik Deutschlands oder anderer westlicher Industrienationen mutet derzeit an wie ein schlechtes Gedicht: viel Gefühl und Wellenschlag, aber nichts Konkretes und keine Substanz. Die Poeten wiederum sind nur noch in der Schwundform des altgedienten „Engagée“ unterwegs, der jede Petition unterzeichnet, die fürs Gute und gegen das Böse wirbt. Meist klingt hohl, was sie in politicis zu sagen haben. Was ja in Ordnung wäre: es ist nicht ihr Job.
Aber: Irgendwie ist die Politik der Poesie nicht bekommen – und vice versa. Die politische Erzählung verliert das Große Ganze aus dem Blick, aus dem nicht wenige Poeten sich herausgeträumt haben, um in der eigenen Innerlichkeit zu landen. Im schlimmsten Fall produziert Politik schlechte Literatur, geht der Poesie die Phantasie aus. Vielleicht sollten sich beide wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen?

I
Angst? Angeblich eine deutsche Spezialität. Im Umgang mit ihr empfehlen sich zwei Strategien: man überprüfe das, wovor man Angst hat, auf seine Wahrscheinlichkeit. Das ist, wenn sie ihr Handwerk verstehen, Aufgabe von Wissenschaftlern und Journalisten. Nicht jedoch, offenbar, Aufgabe jener Politiker, die zu Wahlkampfzeiten Bilder besorgt dreinschauender weißhaariger Omas plakatieren, denen sie, sollten sie gewählt werden, „Sicherheit“ versprechen.
Wie sehr sie sich anstrengen müssen, um dieses Versprechen zu erfüllen, hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, etwa in Frankfurt am Main, der „kriminellsten Stadt Deutschlands“, als über 60 Jahre alte Frau auf offener Straße angegriffen zu werden. Die ist glücklicherweise verschwindend gering. Wer die Polizeistatistik zu lesen gelernt hat, weiß, dass sie Auskunft über das gibt, was die Polizei tut und nicht, was die Verbrecher anstellen. In Frankfurt am Main wird jedoch nicht nur aktenkundig, was auf seinen Straßen mit lieben Omas passiert (dort werden zumeist junge Männer Opfer junger Männer), sondern auch, was aus aller Welt kommend beim Frankfurter Flughafen anlandet oder bei den in Frankfurt ansässigen weltweit operierenden Kreditkartenunternehmen gemeldet wird. Die Sicherheit im öffentlichen Raum ist davon nicht berührt. Kurz: Politiker erzählen Märchen.
Der Literatur ist das erlaubt. Denn was würde aus einer der beliebtesten Literaturgattungen werden, dem Kriminalroman, wenn dort nur die statistisch relevanten Vorfälle bearbeitet würden? Das Genre wäre tot, so tot wie die Opfer im Rockerkrieg oder im Drogenmilieu oder unter verfeindeten libanesischen Clans. Übrig blieben ein paar Beziehungsmorde, eine magere Ausbeute für ein boomendes literarisches Gewerbe.
Aber vielleicht boomt der Krimi auch deshalb, weil er die zweite Strategie der Angstbekämpfung verfolgt: Indem er sie bearbeitet. Literatur, nicht nur Genreliteratur, beansprucht eine radikal subjektive Sicht auf die Dinge. Wir wollen wissen, wie das gesammelte Unheil der Welt aufs Individuum trifft, wie es daran zusammenbricht oder sich, besser noch, aus der Asche erhebt und davonfliegt. Ob das Schicksal der statistischen Wahrscheinlichkeit folgt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Und das gilt gerade für den Krimi, auch wenn einige seiner Autoren von sich behaupten, Realität «abzubilden», etwa Henning Mankell oder Liza Marklund.
Wie man beides unterscheidet und sich dennoch in beiden Bereichen aufhält, ist eine nicht ganz einfache Aufgabe, die ich gut kenne. Die Sachbuchautorin pauschaliert und bilanziert, das subjektive Empfinden spielt dabei eine nur geringe Rolle. Kein individuelles Schicksal ändert etwas daran, dass der Sozialetat im deutschen Staatshaushalt der größte und der des Verteidigungsministeriums der kleinste Posten ist. „Andrea W., 33, ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und kommt mit den Hartz IV-Sätzen nicht aus.“ Das ist Stoff für eine Erzählung, aber keine gesellschaftliche Analyse.
Das gilt auch für viele andere Phänomene. Um eine Aussage über das Leben in Deutschland zu machen, brauche ich verlässliche Zahlen, und nicht Gerüchte, etwa über Jugendgewalt oder die Folgen von zu viel Internetkonsum. Dass meine Nachbarin jemanden kennt, „der gesehen hat, wie ...“, ist keine belastbare Aussage. Erst recht nicht, wenn sie hinzufügt, von „kalten Zahlen“ nicht beeindruckbar zu sein, weil sie „ihre Menschen“ kenne.
Der vielgescholtene Thilo Sarrazin brachte die Differenz zwischen dem subjektiven Empfinden und allgemeinen Aussagen auf den Begriff: „Um zu wissen, wie hoch die Getreideernte im letzten Jahr war, gucke ich doch auch ins Statistische Jahrbuch und muss nicht über die Felder gehen und mit dem Bauern reden.“ Wenn ich indes von menschlichen Schicksalen erzählen will, hilft der Gang aufs Maisfeld, denn das Statistische Jahrbuch bietet Erkenntnisse, was spannend sein kann, aber kein Lesevergnügen.
Vom einen Ufer ans andere zu gelangen, ist alles andere als einfach. Die Sachbuchautorin liefert der Erzählerin den Stoff und steht ihr zugleich im Weg – mit ihren störrischen Fragen, ob denn dieses oder jenes „plausibel“ sei. Und weil sie stets zu viel weiß.
Doch wenn ihre Charaktere lebendig sein sollen, darf die Romanautorin nicht mehr wissen, als ihre Figuren zu einem bestimmten Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach wissen können.
Ich schreibe derzeit an einem Roman, in dem mir das mehr als einmal schwer gefallen ist. Er spielt zwischen 1936 und 2006 und eine der ersten Fragen, die sich mir stellte, war die nach dem Wissen einer 15jährigen, die im 3. Jahr der Herrschaft Hitlers in einer deutschen Kleinstadt lebt, über das, was die nationalsozialistische Herrschaft für die Kritiker des Regimes, für Juden, für Behinderte, für alle, die nicht begeistert mitliefen, bedeutete und noch bedeuten würde. Ich hätte mich entscheiden und das Leben in Berlin beschreiben können, dort, wo Pogrome, Judenboykott und Bücherverbrennung offenkundig waren, auch wenn sie den Alltag nicht so bestimmten, wie man heute zu wissen glaubt. In der Provinz aber applaudierten die Massen nicht, das Verhalten der nichtjüdischen Deutschen bündelte sich nicht zu einem „massenhaften Phänomen“, es war extrem unterschiedlich. Ein Roman darf zuspitzen, sich auf das Böse konzentrieren. Er darf aber auch differenzieren.
Nur in der Rückschau glaubt man, der Schwefelgeruch habe damals bereits allen in der Nase gestanden. Aus einer rückschauenden Erzählperspektive entstehen höchstens Abziehbilder, aber keine Charaktere, die Leser interessieren könnten. Den sadistischen SS-Mann kennen wir zur Genüge. Ebenso den opferwilligen Widerstandskämpfer. Interessanter wäre, ihn als ambivalenten Charakter zu zeichnen – als Zweifelnden, an sich Verzweifelnden.
Vielleicht gelingt mir das noch.

II
Die Hauptfigur in der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz ist ein Kunstmaler, dem während der Hitlerzeit das Malen verboten wird. Die Figur des Malers Max Ludwig Nansen sei „nach einem sehr realen Vorbild modelliert“, schreibt Jochen Hieber in der FAZ, nach Emil Nolde, dem expressionistischen Maler, dessen Werke während des Dritten Reichs als „Entartete Kunst“ verfemt waren. Emil Nolde war jedoch nicht nur ein Held des Widerstands, er war auch bekennender Antisemit, Nationalsozialist und glühender Anhänger Adolf Hitlers. Muss man deshalb die „Deutschstunde“ des Schriftstellers Lenz „neu lesen“, ein in der deutschen Nachkriegszeit prägendes Buch, das Lenz selbst als den Versuch sieht, Politik dort zu zeigen, „wo sie am äußersten Rand der Gesellschaft ... getragen, erlitten, manchmal mit kleinen Genugtuungen ausgekostet wird“? Natürlich nicht. Wonach auch immer ein Schriftsteller „modelliert“: keine fiktive Person ist identisch mit ihrem Vorbild oder gar rechenschaftspflichtig dafür.
Und ein Autor muss nicht für die Verfehlungen seiner Figuren büßen. Ich erhielt vor einiger Zeit den erbosten Brief einer Frau, die mich wegen Frauenfeindlichkeit vor Gericht bringen wollte. Ich habe nie verstanden, was genau sie mir vorwarf: dass eine meiner weiblichen Charaktere zickenbissige Bemerkungen machte? Oder dass ich eine Figur erfunden hatte, die nicht von jedem Frauentypus etwas hielt? Im übrigen: Gilt die alte Weisheit unserer Deutschlehrerinnen nicht mehr, dass es für den Wert eines Werks irrelevant ist, ob sein Autor ein guter Mensch ist?
Der Narr darf die Wahrheit sagen und der Überbringer der Botschaft wird nicht geköpft: das gehört oder gehörte zum Umgang mit Literatur. Mit einem seltsamen Säuberungsfuror aber beugt man sich heutzutage über gestandene Werke der Weltliteratur, um sie von Vokabeln wie „Neger“ zu befreien. Seit wann müssen Literatur und die Sitten und Gebräuche der Gegenwart im Einklang sein?
Liegt es daran, dass die Grenze zwischen Politik und Poesie verschwimmt?

III
Warum wird ausgerechnet nach Dichtern und Denkern gerufen, wenn man glaubt, das Volk benötige ethisch-moralische Handreichung? Sind Schriftsteller aus Handwerkstradition oder gar per se „moralische Instanz“? Kennen sie die Welt genauer als andere? Haben sie einen besseren Zugang zum politischen Geschäft, verstehen sie mehr von Krieg und Frieden?
Eine Zeitlang hatten goldene Worte deutscher Literaten die Funktion von Kirchentagsreden: das unordentliche Volk braucht seine regelmäßige Dosis Mahnen & Warnen und wer könnte das besser als jene, deren Geschäft das Wort ist, mit dem ja bekanntlich alles anfing?
Dass Schriftsteller irgendwie „politisch“ seien, speiste sich aus dem Verdacht, Literatur sei per se „widerständig“, weil sie dem bloßen Sosein und Dasein eine eigene Dimension entgegensetze. Links glaubte man sogar, dass Literatur die Bannerträgerin der Arbeiterbewegung sein müsse, dass sie „aufklärerisch“ zu sein habe, wolle sie mehr sein als „l’art pour l’art“, als ein kunstvolles Nichts. Weiß der Himmel, warum man glaubte, dass sich dieses Programm von Propaganda unterscheide.
Derweil ist der Ruf nach dem mot juste der gern auch als „Intellektuelle“ – darunter firmiert so ziemlich alles vom Büchnerpreisträger über den Provinzsoziologen bis zum Feuilletonpraktikanten – apostrophierten Schriftsteller etwas seltener geworden, vielleicht, weil niemand in Sicht ist, der sich vehement um die Nachfolge von Günter Grass bewirbt. Nicht nur dessen Prosa begann matt zu werden, als sie Botschaften zu transportieren hatte, man denke an die Dystopie „Die Rättin“, auch die Lyrik litt unter einem Überschuss an Politik, ich meine seine famöse als Gedicht verkleidete Israelkritik „Was gesagt werden muss“. Die heutigen Literaten aber machen noch nicht einmal Wahlkampf für die SPD, sondern, so schimpfen ihre Kritiker, hangeln sich von Literaturstipendium zu Literaturstipendium und nutzen die Landverschickung via Goethe-Institut nicht etwa, um andere Länder und Sitten kennenzulernen, sondern als eine Lebensweise, der man feingeklöppelte Introspektion abgewinnen kann.
Vielleicht hat die in Leipzig geschulte neue Schriftstellergeneration ja politisch nichts mehr zu sagen. Auch recht. Aber muss, wenn sie schon einmal einen „Aufruf“ von sich gibt, der gleich so unliterarisch ausfallen wie Juli Zehs Protest gegen die NSA, ein Schriftstück, das offenbar noch nicht einmal eine Word-Autokorrektur gesehen hat? So etwas unterschreibt manch einer offenbar, weil es der Selbstvermarktung dient – wenn alle anderen unterschreiben, will man doch dabei sein! Der engagierte Schriftsteller aber tritt hier wie eine blasse Karikatur aus Zeiten auf, als „Rock gegen Rechts“ noch hip war und die Schleife am Revers den Empfindsamen adelte.
Gewiss wohnt dem Dichten eine eigene Wahrheit inne, die indes nichts mit dem zu tun hat, was man „politisch“ nennen kann. Das „Widerständige“, dieses Anreden gegen „die Verhältnisse“ liegt in der Perspektive, in der radikalen Subjektivität erzählender Prosa. Und das ist das gerade Gegenteil von Politik.
Anders gesagt: seit dem Gilgamesch-Epos oder der Bibel kreisen die Menschheitserzählungen nicht um das große ganze Unheil, sondern darum, wie es dem Individuum ergeht, dem es auf die Füße fällt. Ihr Anliegen ist nicht, die Sintflut zu erklären, sondern Menschen zu zeigen, die sie erleiden.
Wie eng der Begriff des Engagiertseins gefasst ist, wie einseitig das „Politische“ gedacht ist, zeigt sich stets, wenn eine anders empfindet als der Mainstream will. Als Sibylle Lewitscharoff ihr subjektives Unbehagen an künstlich gezeugten Menschen („Halbwesen“) äußerte, wollten einige Lautsprecher ihr gleich den Büchnerpreis aberkennen; eine entsprechende Petition sammelt Stimmen dafür. Als ob ihr literarisches Werk insgesamt durch solch konservative Befürchtungen kontaminiert sei, Befürchtungen übrigens, die eine lange Geschichte haben. Es beschäftigte die Menschheit schon immer, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wäre das nicht eine Debatte wert gewesen, in der die Literatur etwas zu sagen gehabt hätte? Statt dessen hat sich das Feuilleton zum Richter in Sachen Political correctness aufgeschwungen.
Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen. Und „Widerständiges“ geht nicht nur in eine Richtung. Wer es damit ernst meint, muss genau das verteidigen, was anstößig ist. Das ist der Kern von Meinungsfreiheit. Dass sich im deutschen und auch im schweizerischen Blätterwald die Forderung nach Zensur breitmacht, wenn etwas nicht dem allgemeinem Empfinden (in den Zeitungsredaktionen) entspricht, ist traurig. Im Kampf um seine Deutungshoheit verliert das Feuilleton seine Vielstimmigkeit. Und seine Leser.

IV
Wozu brauchen wir noch Literaten, wenn wir Politiker haben? Während der Engagèe klassischen Musters bestenfalls steril und hölzern wirkt, schlimmstenfalls wie ein Veteran aus dem Willy-Wahlkampf, hat sich die Politik in den warmen Mantel der Subjektivität gehüllt. Hier ein Tränchen, dort ein Kniefall: Hauptsache, es rührt. Hatte man nicht einst geglaubt, politisches Sprechen lebe von der Verallgemeinerung und vom Unterschied zwischen Fakten und Befindlichkeit, Sache und Emotion? Hieß es nicht immer, Entrüstung sei keine politische Kategorie?
Ach was. Richtig eingesetzt, wird sie zur PR-Allzweckwaffe. Vielleicht ist es also genau diese Poetisierung der Politik, die den literarischen Engagèe überflüssig gemacht hat. Moral kommt jetzt direkt von oben, muss der Politik nicht mehr von anderen als Wärmespender zur Seite gestellt werden. Politik hat ihr semantisches Feld verlassen, sie verhandelt nicht mehr die allgemeinen Dinge. Sie ist beim Menschen im Singular angekommen. „Du bist Deutschland!“
Wer sich regelmäßig Talkshows antut, erlebt das in Dauerschleife. Dort gilt das reine, das „sachliche“ Argument als kalt, sofern es nicht auch „Betroffenheit“ erzeugt, dieses heute für unverzichtbar gehaltene Gefühl von „tua res agitur“: hier geht es um dich, um deine Angelegenheiten. Betroffenheit ruft hervor, wer das jeweilige Phänomen überzeugend groß zeichnet, so dass jene wohlige Mischung aus Angst und Demut entsteht, die ein Fernsehgesicht mit einem ernsten „Das könnte jedem von uns passieren“ begleitet.
Der subjektive Ausgangspunkt, die Erzählung über ein individuelles Schicksal, das, wenn es schon nicht pars pro toto steht, doch zumindest zur Identifikation auffordert, die den allgemeinen Sachverhalt schmackhaft machen soll, motiviert Prosa nicht erst seit heute. Später wurde er vom Journalismus entdeckt: nicht aufklären soll er, der Skribent, sondern eine Geschichte erzählen. Das ist mittlerweile die Grundmelodie politischen Sprechens: immer schön subjektiv sein. Immer schön bei einer Erzählung bleiben, die uns nahe geht, mit Opfern, Tätern, Kronzeugen der Anklage. Natürlich ist das steigerungsfähig: Betroffen macht schließlich auch, wenn vom eigenen Verhalten Wohl und Wehe des ganzen Globus abhängt. Jeder anständige Religionsführer versteht es, seine Schäfchen mit dem Verweis aufs Fegefeuer auf Linie zu bringen.
Hatte nicht Politik einmal die Aufgabe, gerade das Fernstliegende gegen die Wünsche der Einzelnen zu verteidigen? Heute muss es uns als ureigenes Interesse verkauft werden. Das erfordert Verrenkungen, die nicht jedem gelingen.
Das mieseste Beispiel für diese Strategie findet sich in dem dafür berüchtigten Film von Al Gore, „Eine unbequeme Wahrheit“, in dem uns ein weinendes Kind dazu auffordert, die Welt zu retten. Jeder Imperativ braucht ein weinendes Kind. „Das ist kein politisches Problem, sondern ein moralisches“: Al Gore hat die Sache auf den Punkt gebracht.
Es waren nicht vor allem Thilo Sarrazin und seine Thesen, sondern die Diskussion um und mit ihm, die ich nie vergessen werde. Eine Horde gackernder Politikerinnen hielt ihm bei jedem mit Daten und Fakten unterfütterten Argument entgegen, er reduziere Menschen auf „kalte“ Zahlen, wo es doch auf jeden Einzelnen in seiner Unverwechselbarkeit ankomme.
Wer mit Statistiken oder gar Wahrscheinlichkeiten operiert, „relativiert“, und das kommt nicht gut an bei Menschen, die gelernt haben, nur ihrem eigenen Gefühl, also ihren Ängsten zu vertrauen. „Engagierter“ Journalismus unterstützt das gern: was macht es schon, wenn die Fakten nicht ganz stimmen, Hauptsache, man hat aufgerüttelt.
Politik also als konkrete Poesie! Das könnte die Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin erklären, nach der – durch ein Erdbeben samt Flutwelle ausgelösten – Havarie eines Atomreaktors in Japan die deutsche Energieproduktion auf Sonne und Wind umzustellen, die, wie es die Sage will, keine Rechnung schreiben. Seither entsteht in Deutschland etwas, das Schilda weit übertrifft. Bei gutem Wetter produzieren wir Strom im Überfluss und bezahlen Nachbarländer dafür, dass sie ihn uns abnehmen. Bei schlechtem Wetter brauchen wir die maroden Atommeiler der Nachbarn, damit bei uns das Licht nicht ausgeht. Das ist Lyrik.

V.
Die Poesie den Poeten, die Politik den Politikern! Vielleicht sollte man wieder über den Unterschied reden. Wer die durch einen Tsunami verursache Havarie im fernen Japan zum Anlass nimmt, das Industrieland Deutschland ins Windmühlenzeitalter zurückzuführen, macht Politik zum Objekt subjektiven Empfindens, einer gerade mal gefühlten „Mehrheitsstimmung“. Wer glaubt, sich an gar nichts mehr halten zu müssen, was nach überprüfbaren Fakten aussieht, glaubt an Märchen.
Der Poet wiederum ist nichts und niemandem verpflichtet, schon gar nicht einem albernen Petitionssozialismus, wie er gerade wieder die Runde macht. Da fordern die üblichen Verdächtigen dazu auf, sich an der Europawahl zu beteiligen – mit Statements, wie sie unbedarfter noch nicht einmal den Verfassern von Wahlkampfparolen gelingen. Ist das die Sehnsucht nach dem alten Willy-Feeling und der EsPeDe von Günther Grass oder der Wunsch, den eigenen Namen endlich wieder großgedruckt zu sehen?
Kann es sein, dass der Publikumserfolg von Büchern wie Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sich gar nicht vor allem deren Inhalt verdankt, sondern ihrer rabiaten Ablehnung durch die Mehrheit der Meinunghabenden, die noch immer nicht verstehen wollen, dass ihre Leser nicht umerzogen werden wollen?
Die Deutungshoheit der „Qualitätsmedien“ hat sich erledigt. Sie bestimmen nicht mehr, was gelesen, was gedacht wird. Sie haben sich längst von ihren Lesern verabschiedet, die sie schon nicht mehr heimlich verachten. Wichtiger ist das Lob im Kollegenkreis. Das, dieser hohe Ton des Besserwissens, hat ihnen sicher mehr geschadet als die Bezahlt-wird-nicht-Mentalität des Netzes.

Wenn sich die Literatur zum Büttel der herrschenden Meinung macht, verliert sie mit. Nicht wenigen Lesern steht der Sinn nicht nach Traktaten, auch nicht nach gutgemeinten, schon eher nach Berichten aus dem Leben, in dem nichts gerade ist, weder gut noch böse und selten bunt, eher grau in allen Schattierungen. Am liebsten aber haben sie womöglich jene Bücher, die sie aus der gegenwärtigen Welt entführen, in einen Kosmos, der auf jeden Fall aufregender ist als das Land des Lächelns, als die Konsensdemokratie samt Mutti, deren Verwalter zwar mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun haben, deren Phantasie aber noch nicht einmal für eine solide Utopie reicht.
Doch, ja, vielleicht für eine: „Die Rente ist sicher.“ Aber das ist ja noch nicht einmal ein Märchen.
Schweizer Monat, Juni 2014


Donnerstag, 12. Juni 2014

Nebelwerfer 4

Vorwärts und nie vergessen: die So-li-da-ri-tät!

Auch so ein Wort, das durch täglichen Missbrauch abgenutzt und mürbe geworden ist. Oder war es damals schon verschlissen, als man jubelnd singend danach marschierte, von Brecht die Worte, von Hans Eisler die Melodie?
Organisierte deutsche Schriftsteller, die stets gern laut in den Chor eingefallen sind, haben mit der Solidarität jedenfalls kein Glück gehabt. Mit dem Anschluss des Verbands Deutscher Schriftsteller an die Arbeitergewerkschaft Verdi haben sie zwar ihre Solidarität bewiesen, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen. Der VS ist unbesungen im «Großen Ganzen» untergegangen.
Solidarität ist eine Einbahnstraße. Die einen geben, die anderen empfangen. Solide, echt und fest im Ursprungsinn des Wortes ist meist nur noch der Händedruck dabei. Sofern er noch stattfindet.
Denn wofür sich noch bedanken, wenn man Solidarität einfordern darf? Vom Hohelied des Proletariats ist sie zum Mantra des Fürsorgestaats geworden. Der nennt gern Solidarität, wenn er was will, und er will eigentlich immer etwas, also Geld. Und das Schöne dabei: Statt bloß mit der Arbeiterklasse verbrüdert der brave Steuerzahler sich gleich mit dem gesamten Gemeinwesen.
Vorbildlich in diesem Sinne ist die nun schon fast 24 Jahre die deutsche Einheit finanzierende Zwangsabgabe namens «Solidarzuschlag». Kein Name könnte genialer sein. Die Kosten der Einheit sind zwar längst abgeschrieben, aber was man hat, das hat man. Auf Solidarität verzichten? Undenkbar.
In der Hölle schmort derweil der Steuersünder, der sein Geld nicht freiwillig hergibt. Seit dem Fall moralischer Größen wie Ulli Hoeneß oder Alice Schwarzer steht das deutsche Volk geeint zusammen in tief empfundener Solidarität: egal, ob der Staat mit dem, was ihm im Sinne höherer Moral überlassen wird, solide umgeht und ohne die bescheidene Nachfrage, warum es nötig ist, dass er sich auch bei ständig steigenden Einnahmen immer noch weiter verschuldet.
Hoch die Solidarität! Vorwärts ist längst vergessen.

In: Schweizer Monat, Mai 2014


Donnerstag, 15. Mai 2014

Im Land des Lächelns. Warum die Deutschen glückliche Menschen sind

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was das betrifft, kann sich manch einer von den angeblich notorisch humorfreien Deutschen eine Scheibe abschneiden. Wir lachen, auch wenn’s richtig weh tut, nicht nur, wenn jemand einen Scherz macht. Wer mit Grimms Märchen sozialisiert wurde, ist hart im Nehmen.
Was könnte also deutscher sein als Schilda? Man kennt die Geschichte: deren Bewohner hatten sich einst ein neues Rathaus gegönnt, das allerdings, da man auf den Einbau von Fenstern und Türen verzichtete, seiner Zweckbestimmung nicht zugeführt werden konnte. So etwas ähnliches nimmt in Brandenburg viel Platz weg und will einmal Flughafen werden. BER wird und wird nicht flügge, vielleicht sogar nie, verfuttert aber um die 17 Millionen Euro im Monat – nicht gerechnet entgangene Einnahmen von schätzungsweise 14 Millionen. Was sind dagegen die paar von Ulli Hoeneß hinterzogenen Millionen? Peanuts. Sie reichen noch nicht einmal für einen ganzen Monat Unterhalt des Flughafentorsos. Ein Steuersünder ist ein armes Würstchen gegen organisierte Steuerverschwendung. Verzeihen wir ihm also.
Aus Schilda stammt auch die Idee mit der sogenannten Energiewende: Unzählige lustig rotierende Windräder und viele blitzblanke Solarpaneele verschönern die Landschaft und produzieren Strom im Überfluss. Dummerweise entsteht der nicht dort und dann, wo und wenn er gebraucht wird, da es keine Speicherkapazitäten und keine Überlandstromleitungen dafür gibt. Also muss man die Nachbarn, etwa die Polen, dafür bezahlen, dass sie uns den teuer subventionierten Strom abnehmen, wenn wir zu viel davon haben, und ihnen noch mehr zahlen, wenn wir in kalten Wintern wiederum weit mehr brauchen, als wir dann produzieren. Die Gewinner im Spiel sind die Betreiber ältlicher französischer Atomkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland, Eigenheimbesitzer mit chinesisch subventionierten Solarpaneelen und die Verpächter saurer Äcker. Der Rest des Landes zahlt und lächelt: weil Wind und Sonne keine Rechnungen schreiben. Nur die Stromversorger.
Dieser Schildbürgerstreich datiert auf das Jahr 2000, wie Alexander Wendt in seinem Buch „Der grüne Blackout: Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“ schreibt, geht auf ganze vier rührige Erfinder zurück und hat sich bereits jetzt zur größten Umverteilungsmaschinerie der deutschen Geschichte entwickelt. Dass mit „Blackout“ auch das Aussetzen des Verstandes gemeint sein könnte, glauben nicht wenige ausländische Beobachter Deutschlands. Denn es sieht ganz so aus, als ob die drittgrößte Industriemacht der Welt sich mit ihrer wetterwendisch-launenhaften Energiepolitik selbst vor die Wand fährt.
Wir Deutsche lächeln das weg. Die „Wende“ ist uns Rotor gewordener Ausdruck unserer poetischen Natur. Denn nichts als konkrete Poesie konnte es gewesen sein, als Kanzlerin Merkel im Jahr 2011 einem Tsunami in Japan den prompten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland folgen ließ, wo man Tsunamis nur aus dem Fernsehen kennt. Und wenn demnächst ein Windrad auch hinter der Loreley aufragt, jenem sagenumwobenen Felsen über dem Rhein, den Romantiker so lieben, werden die Deutschlandbesucher ein neues Lied kennenlernen.
„Die Wahrheit ist, dass die Energiewende kurz vorm Scheitern steht. Die Wahrheit ist, dass wir auf allen Feldern die Komplexität der Energiewende unterschätzt haben“, sagte jüngst Energieminister Sigmar Gabriel. Ein weiteres Zitat des Ministers ist nicht autorisiert, entspricht aber der Wahrheit: „Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte”.
Uns ist das egal: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer Selbst willen tun.
Aber vielleicht hat der Wahnsinn ja Methode? Die Rente mit 63, zum Beispiel. Es hat sich längst herumgesprochen, dass das Rentensystem im Umlageverfahren an zwei Faktoren scheitert: am zunehmenden Lebensalter und der damit längeren Zeit, in der Menschen Rente beziehen, und an der abnehmenden Zahl der Erwerbstätigen in Relation zu den Rentenbeziehern. Diese Relation ändert sich nur, wenn sich die Zahl der Erwerbstätigen erhöht und die der Rentenbezieher verkleinert. In Ermangelung hoher Geburtenraten und vermehrter Sterbewilligkeit liegt die Lösung auf der Hand: die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch Erhöhung des Renteneintrittsalters, eine angesichts der Tatsache, dass die Älteren heute gesünder und gebildeter sind als jemals zuvor, logische Schlussfolgerung.
Aber warum Logik, wenn es auch „gerecht“ sein darf? Andrea Nahles hat es nicht mit kalten Zahlen, ihr spricht die soziale Wärme ja geradezu aus dem Gesicht, schließlich kennt sie ihre Eifel. Gerecht ist, was gut tut! Die Zeche für solch gute Taten wird sowieso erst später gezahlt, von denen, die heute noch jung sind. Die werden sich wundern.
Aber wahrscheinlich ist ihnen das Wundern bis dahin längst vergangen. Die deutsche Staatsverschuldung lässt sich schon heute wegen der vielen Nullen kaum noch ausschreiben, selbst wenn man künftige Fälligkeiten nicht einrechnet, die uns die Eurokrise noch bescheren könnte. Es mag die Weisheit unserer Führungspersönlichkeiten sein, dafür zu sorgen, dass dem Land jene wirtschaftliche Stärke möglichst schnell wieder abhanden kommt, die bei unseren Nachbarn Ansprüche und Wünsche geweckt hat. Schaut her, rufen unser Politiker, wir können ja noch nicht einmal mehr die Löcher in unseren Straßen stopfen! Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen, also: jetzt die Kohle raushauen und nach uns die Sintflut.
Kann sein, dass manch ein deutscher Steuerbürger lacht, weil er nicht weinen will. Aber Wutbürger will niemand mehr sein, seit in der Zeitung gestanden hat, dass das alles gutbetuchte Rentner sind, die nichts besseres zu tun haben als dem Fortschritt im Wege zu stehen. Lieber zahlt man klaglos Steuern und Sozialabgaben und ist froh, wenn man darüber hinaus nicht behelligt wird.
Sicher, es gibt Probleme, die man nicht hätte, wenn sie nicht von einem Politiker auf der Suche nach seinem Alleinstellungsmerkmal erfunden worden wären, mag sich manch einer denken, die Grillkohle zurechtlegen und das Bier kalt stellen.
Was soll der Geiz: Es wird Sommer. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

In: Die Welt, 15. Mai 2014

Sonntag, 4. Mai 2014

Mein Kampf. Oder: Und immer an die Leser denken!

Hitlers „Mein Kampf“ immer noch weit oben auf der amazon-Bestsellerliste! Deutschland muss von Sinnen sein. So ist das wohl zu verstehen, wenn der Literaturkritiker der „Zeit“ einem Buch attestiert, in der gleichen Liga wie Adolf Hitler zu spielen. Muss man sich wieder Sorgen um Deutschland machen?
Muss man natürlich nicht, höchstens um die Literaturkritik. Denn wer mit solchen Kalibern schießt, will offenbar nicht nur dem Autor, sondern auch seinen Lesern ans Zeug. Also: „den“ Deutschen, gern auch „Bio-Deutsche“ genannt.
Akif Pirinccis wütendes Pamphlet „Deutschland von Sinnen“ muss man vorm Vergleich mit „Mein Kampf“ nicht in Schutz nehmen, es ist im übrigen erheblich kürzer und weit amüsanter. Dem Autor selbst ist es egal, ob man ihn „einen Nazi schimpft oder eine Klobürste“. Aber kann man seinen Lesern unterstellen, sich für rechte Führerworte zu begeistern?
„Zeit“-Leser fanden das nicht. Die „Nazikeule“ bestärkt offenbar all jene, die sich schon lange nicht mehr verstanden fühlen, was der Grund für Pirinccis Erfolg sein mag: nicht wenige haben, wie sein Autor, die bevormundende Verachtung satt, die ihnen entgegenschallt. Es könnte sich um Zeitgenossen handeln, die man zu Toleranz gar nicht groß anhalten muss, die sich aber im Gegenzug nicht mehr und nicht weniger wünschen, als dass auch ihrem stinknormalen Leben in diesem Land mit Respekt begegnet wird, selbst wenn sie als bloß heterosexuelle Deutsche nicht bunt und exotisch genug sind.
Sollte die meinungshabende Klasse daran völlig unschuldig sein? Unter dem ironischen Label „Das wird man doch noch sagen dürfen“ wird genau das bestritten: dass etwas auch gesagt werden darf, ja soll, das nicht mit dem übereinstimmt, worauf sich die fortschrittlich-metropolitane Geisteselite verständigt hat. Die Lehrer der Nation geben sich beleidigt, wenn das dumme Volk anderen Rockschößen hinterherläuft.
Dabei müsste ihnen der überraschende Erfolg von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gezeigt haben, dass das Verhältnis zwischen den „Medien“ und ihren Rezipienten gründlich gestört ist. Die „Qualitätsmedien“ haben sich schon im Fall Sarrazin nicht als Gatekeeper bewährt, denn das Buch verkaufte sich nicht deshalb glänzend, weil, wie man dort mutmaßte, Sarrazin den „dumpfen“ rechten Bodensatz in Deutschland bediene. Die Käufer seines Buchs trauten vielmehr den rituellen Bannsprüchen der Meinungshäuptlinge nicht und wollten sich selbst ein Bild machen, mutig angesichts des spröden Stoffs.
Wäre das nicht eine Gelegenheit zur Selbstbefragung gewesen, ob man womöglich den Kontakt zu seinen Lesern und Zuschauern verloren hat, die Argumente und keine Verdikte hören wollen und die womöglich schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man in Funk, Presse und Fernsehen die Fakten auch mal ein wenig schminkt, damit sie zum gewünschten Ergebnis passen?
Ein Anlass wäre Sarrazins jüngstes Buch über den „Tugendterror“ gewesen, als dessen Opfer er sich sehen darf. Denn eines stimmt in seiner von Selbstmitleid verständlicherweise nicht ganz freien Anklage: es wird nicht mehr gestritten, es werden mit der sauren Miene magenkranker Religionsführer Bannflüche ausgesprochen. Man will den Feind erlegen, zur Not auch hinterrücks, nicht sich offenen Visiers mit ihm schlagen. Souveräner Umgang sieht anders aus.
Anders hätte man übrigens auch mit Sibylle Lewitscharoff umgehen können, die man geradezu zum öffentlichen Widerruf zwingen wollte. Sie sprach in ihrer umstrittenen Rede von Kindern, die einer künstlichen Befruchtung entstammen, als „Halbwesen“, als „zweifelhafte Geschöpfe“. Das ist den so Gezeugten gegenüber sicher nicht sehr freundlich, die sich aber meines Wissens nicht beschwert haben. Andererseits hat genau das die Menschheit immer schon beschäftigt, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wer, wenn nicht eine Schriftstellerin, darf sich darüber Gedanken machen? Und wieso soll man in einem Land, in dem man sich vor allem fürchtet, vor Genmais, geheimnisvollen Strahlen und dem Atom, ausgerechnet vor Manipulationen am Menschen selbst keine Angst haben dürfen? Ich teile diese Furcht übrigens nicht, aber ich bitte dringend darum, sie debattieren zu dürfen. Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen.
Und nun ein neuerlicher Sturm im Wasserglas. Diesmal ist es ein eingebürgerter Türke, der aus der Rolle fällt, die ihm in deutschen Talkshows normalerweise zufällt: die des Beschwerdeführers über die ihn ausgrenzenden „Bio“-Deutschen. Akif Pirinccis Buch „Deutschland von Sinnen“ ist das Gegenteil, nämlich eine Liebeserklärung an das Land, das seine Eltern und ihn 1968 aufgenommen haben, eine Kampfansage an einen aggressiven Islam, der das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nachhaltig zerstört hat, und eine Tirade gegen einen Staat, der alles glaubt bezuschussen zu müssen, was sich als unterdrückte Minderheit aufführt.
„Deutschland, du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder!“ So geht’s los – und so geht das natürlich gar nicht. Finden Menschen, die, wenn sie nicht gleich antideutsch empfinden, an Deutschland nur mit ironischer Distanzierung und in Gänsefüßchen denken mögen. Hinzu kommt die hemmungslose Abneigung des Autors gegen Rotgrün, den Feminismus und „Gender Mainstreaming“, den aggressiven Islam, die Polit- und Medienkaste, kurz: gegen den ganzen linksliberalen Mainstream. „Deutschland von Sinnen“ ist die wütende Suada eines unglücklich Liebenden, übrigens etwas, worauf Schriftsteller ein natürliches Anrecht haben, nicht nur, wenn sie in die Richtung kotzen, die man in der kritischen Zunft für die richtige hält.
Der Vergleich mit Hitlers „Mein Kampf“ ist bei den 680 Zeit-Lesern nicht gut angekommen, die das kommentiert haben. Löblich, dass die Redaktion sich daraufhin um Kommunikation mit ihren Kritikern bemüht hat. Für das Fazit allerdings hätte man sich die Mühe sparen können: es seien doch wohl alles Ewiggestrige, die mit der modernen Zeit nicht richtig mitgekommen sind. Wer solch intellektuellen Hochmut pflegt, muss sich nicht wundern, wenn die Zeiten für „Qualitätsjournalismus“ hart geworden sind. Wer seine Leser verachtet, kann nicht erwarten, dass sie ihm treu bleiben.
Dabei gibt es durchaus eine Lehre zu ziehen aus dem Erfolg gerade dieses Buchs, rotzig, pöbelnd, ungerecht und unkorrekt: Dass es viele gibt, die an die bunte Schrebergartenidylle der Konsensdemokratie unter einer ewig lächelnden Kanzlerin nicht mehr glauben. Wäre doch auch mal ein Thema.

Samstag, 3. Mai 2014

Wenn der Staat den Kanal nicht voll kriegt...

Es ist schon verblüffend: Unser Staat hat, dank sprudelnder Steuerquellen, Geld wie Heu und kriegt doch den Kanal nicht voll. Auch diese Regierung wird es wieder nicht schaffen, was Angela Merkel seit über zehn Jahren verspricht: die kalte Progression abzuschaffen, eine ungesetzliche Bereicherung des Staates am Geld seiner Bürger, die wohl nirgends so brav sind wie hierzulande. Das könnte man langsam fast schon beunruhigend finden.
Deutschland besetzt, was Steuern und Abgaben betrifft, international den Rang zwei. Sollte damit nicht der Spielraum gegeben sein, damit der Staat seinen hoheitlichen Aufgaben gerecht wird, indem er etwa für eine funktionierende Infrastruktur sorgt? Das deutsche Straßennetz ist in einem erbärmlichen Zustand, obwohl Autofahrer über die KfZ-Steuer und an den Tankstellen bereits jetzt mehr als nur ihr Scherflein geben. Aber da geht noch was: Wenn man ihnen schon keine Autobahngebühr aufbrummen kann, dann, so ein weiterer innovativer Beitrag unserer Politiker zur Wertschöpfung, könne man doch den demnächst auslaufenden Soli einfach umwidmen. Solidarität den deutschen Autobahnen!
Der Bürger staunt – oder auch nicht. Es wäre schon ein Wunder, wenn der Staat auf eine einmal erfundene Geldquelle einfach so verzichten würde. Es gibt doch so viel Schönes und Gutes, was man mit all den Steuergroschen anfangen kann! Andrea Nahles etwa braucht Geld für die gut verdienende Facharbeiterklientel, der sie die Rente mit 63 (oder schon mit 61) beschert. Das ist zwar, angesichts des wachsenden Lebensalters und des absehbaren Scheiterns des umlagebasierten Rentensystems unlogisch und, rechnet man die Chose einmal durch, ein eklatanter Betrug an denen, die noch in die Rentenkassen einzahlen, aber das stört eine Ministerin nicht, die sich mit guten Taten ins Buch der Geschichte einschreiben will. Was brauchen wir Logik, wenn es um „Gerechtigkeit“ geht? Andrea Nahles hat es nicht mit kalten Zahlen, ihr spricht die soziale Wärme geradezu aus dem Gesicht. Gerecht ist, was gut tut! Die Zeche wird später gezahlt. Von anderen.
Es ist immer wieder verblüffend, wie umstandslos der Bürger vor allem als Steuerbürger gesehen wird, dem dafür übrigens keine Geste der Dankbarkeit zufließt, sondern verschärftes Misstrauen. Unsere Politiker scheinen zu glauben, dass ihr Anspruch aufs Portemonnaie der Untertanen alle stets und ständig daran denken lässt, wie sie sich diesem Rollgriff entziehen können. Aber nein: die meisten tun mehr oder weniger resigniert ihre Pflicht, während ihnen die Finanzbehörden mit stetem Misstrauen begegnen. „Steuerehrlichkeit“ wird mit dem Pranger erzwungen, der jedem droht, der sein Geld dort unterbringt, wo man freundlicher zu ihm ist: etwa in der Schweiz, wie Alice Schwarzer und Ulli Hoeneß.
Die Frage sei langsam erlaubt, was schlimmer ist, der mit missionarischem Eifer als „Steuersünder“ Gebrandmarkte – oder all die Verschwender, die mit dem Steuergeld ihrer Bürger nicht eben verantwortlicher umgehen, denn auch sie entziehen dem Staat Geld, das der doch so dringend braucht: um Gutes zu tun. Oder, wie die Zyniker meinen, um Wahlgeschenke zu verteilen.
Ein einfaches Rechenexempel zeigt, in welchen Dimensionen Steuergeld verbrannt wird. In Brandenburg liegt eine Großbaustelle, die einmal Flughafen werden soll, worauf derzeit niemand mehr zu hoffen wagt. Allein der monatliche Unterhalt des Torsos verschlingt um die 17 Millionen Euro, nicht gerechnet entgangene Einnahmen von schätzungsweise 14 Millionen. Was sind dagegen die paar von Ulli Hoeneß hinterzogenen Milliönchen? Peanuts. Sie reichen noch nicht einmal für einen Monat BER.
Wie lässig mit dem Geld der Bürger umgegangen wird, zeigt übrigens auch das Gesetz über die erneuerbaren Energien. Es beschert Eigenheimbesitzern mit chinesisch subventionierten Solarpaneelen, den Verpächtern sauer Äcker und den Betreibern ältlicher französischer Atomkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland satte Gewinne, tut aber nichts von dem, was es tun soll, da die Infrastruktur an Speicherkapazitäten und Überlandleitungen fehlt, um den erzeugten Strom dort und dann unterzubringen, wo und wann er gebraucht wird. Das ist vielleicht der größte Schildbürgerstreich unserer Politiker. Vielleicht sollte man endlich die Steuerverschwender zu den wahren Steuersündern erklären.

Die Meinung, NDR-Info, 4. Mai 2014

Freitag, 2. Mai 2014

Nebelwerfer 3

„Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zu Pflicht!“ Das, in ungelenken Großbuchstaben, auf ein weißes Banner gesprüht. Dahinter ein Häuflein lachender Demonstranten. Studenten, engagiert protestierend. Widerstand – gegen Studiengebühren.
Immer heiter, immer weiter: Widerstand ist machbar, Frau Nachbar! So wird einem der Niedergang des einst auratischen Wortes geradezu im Marschtritt eingebleut. Widerstand ist eben, was jedes brave Kind tut, dem man früh beigebracht hat, dass „aufmüpfig“ sein zur Charakterbildung beiträgt. Auch wenn geplagte Elterngenerationen seit langem die Vorzüge der elterlichen Autorität wiederentdeckt haben, gilt im Alltagskonsens Widerstand als Pflichtprogramm: Gegen die herrschende Ordnung, den Kapitalismus, die Konsumgesellschaft, gegen Rechts sowieso, gegen das Böse allemal. Und überhaupt.
Die Grünen haben einst das „Gewaltmonopol des Staates“ abschaffen wollen. Nicht unbedingt, weil sie Lynchjustiz den Vorzug gaben. Sondern weil sie, der Hitlerzeit eingedenk, Widerstand gegen die Obrigkeit zu den Menschenrechten zählen. Die Obrigkeit aber, immer verdächtig, war und ist kein Objekt der differenzierenden Betrachtung.
Dabei ist das staatliche Monopol der Gewaltausübung am Ende des Mittelalters ein Sieg der Zivilisation gegen Selbstjustiz und die gewaltsame Anarchie der mittelalterlichen Familienfehden und Clankämpfe. Noch heute wäre eine Recht und Ordnung wahrende Instanz in Ländern wie Afghanistan u. a. ein Segen für die Menschheit.
Und doch ist da etwas, das eine archaische Gefühlsebene anspricht, die nicht allein aus der Vergegenwärtigung einer Zeit entstammt, in der Widerstand bitter nötig und heldenhaft war. Ob der Platz Maidan heißt oder Tahrir: wenn sich Massen gegen ein Unrechtsregime versammeln, gerät das bürgerliche Publikum in Mit-Leidenschaft – ohne dass es auch nur eine blasse Ahnung hätte, ob das, was auf den gelungenen Widerstand folgt, die bessere Ordnung schafft. Manch heroischer Widerstand entpuppt sich als die gewalttätige Konkurrenz um die Macht und somit als der Teufel, der den Beelzebub austreibt.
Eines, immerhin, ist gewiss: kaum ein Widerstand ist gefahrloser als der gegen Studiengebühren.

Dienstag, 22. April 2014

Stadt, Land, Fluss


"The land of the free“ war einmal. Amerika hat sich, nach einer Orgie der Selbstzerstörung, zu einem Feudalstaat zurückentwickelt. Die dekadente Oberschicht lebt in Saus und Braus in einer Megacity, während in den umliegenden Provinzen vormittelalterliche Verhältnisse, Ausbeutung und Tod herrschen. Das ist in Kürze der Rahmen des großartige Epos der amerikanischen Schriftstellerin Suzanne Collins. Die „Tribute von Panem“ gehören zu den erfolgreichsten Jugendbüchern nach Harry Potter. Wieder geht es um den Kampf gegen das Böse, auf Leben und Tod, nur ohne Magie. Und auch das Setting ist urvertraut.
In vielen Science-Fiction-Romanen wird es durchgespielt. Die Erde ist verlorene Wüstenei. Die Menschen leben in Städten, in High-Tech-Räumen, in denen Natur nur noch als Zitat auftaucht. Noch nicht einmal mehr zur Nahrungsmittelproduktion wird sie gebraucht: Das Essen kommt aus der Retorte, wobei die Zutaten durchaus unappetitlich sein können. In „Soylent Green“ hat man nachhaltigerweise tote Menschen recycled.
Die Utopie trägt fast immer Züge einer Dystopie. Die vom Schmutz irdischer Realität, von Wind und Wetter abgeschottete Metropole herrscht über ein feindliches Draußen, dessen Gesetze man in der klimageregelten Enklave nicht mehr kennt. Doch da draußen, in sengender Sonne oder klirrender Kälte, zwischen Müllhaufen, Kraftwerken und Lebensmittelfabriken, wohnen nicht nur wilde Tiere, sondern auch Menschen. Sie sind Dienstleister der herrschenden Kaste oder, je nach Perspektive, Verbrecher bzw. freiheitsdürstende Widerstandskämpfer, die sich unter Lebensgefahr in einem rechtsfreien Raum bewegen. Der wunderbaren Welt der Megacity entspricht die Wüste um sie herum. So gibt es unzählige Variationen auf die ewige Geschichte des Widerstreits zwischen Stadt und Land.
Und die Wirklichkeit? Der weltweite Trend zu megacityartigen Ballungsräumen auf der einen und einer zusehends entvölkerten „Provinz“ auf der anderen Seite scheint vom Weitblick früher Science-Fiction zu künden: alles prima vorhergesagt. Wer Optimist ist, lässt den urbanen Menschen künftig, sollte das mal nötig sein, von City zu City jetten, ohne sich die Füße schmutzig zu machen. Das lästige Drumherum sei der darob umso prächtiger blühenden Flora mitsamt aufatmender Fauna überlassen. Und sollte es noch Menschen dort draußen geben, dann sind sie eine zu vernachlässigende Größe.
Der Pessimist hat andere Bilder vor Augen. Gewiss, die Preisgabe von Siedlungsräumen an die „Wildnis“ hat es in der menschlichen Siedlungsgeschichte immer gegeben, man denke an die Verödung ganzer Landstriche im Gefolge der Pest. Das Verschwinden der Wälder und ihr Wiedererstehen gehört zur Geschichte der europäischen Kulturlandschaft. Doch mit der völligen Aufgabe des „"Draußen“ würde kein Paradies entstehen, sondern die Wüstenei. Nicht nur in Europa ist „"Natur“ die über tausende von Jahren von Menschen geformte Kulturlandschaft.
Das Hochrechnen der demografischen Entwicklung zu dem freudigen Befund, dass schon im Jahre 2050 ganze 80 % der Menschheit in Megacities leben wird, ist nicht nur überaus spekulativ, es stimmt auch nicht sonderlich froh. Viele dieser Agglomerationen sind geschichtslose Räume. Menschliche Ansammlungen ohne historischen Kern haben mit dem emphatischen Begriff der „Stadt“ herzlich wenig zu tun, da hilft auch kein Park. Dass die Urbanisierung eine „Kraft zum Guten“ sei, ist kann man bezweifeln. Und dass die Rückkehr der Wildnis „"allen“ zugute käme, ebenso.
Die Vorstellung von der segensreichen Rückentwicklung von Landschaft zu Wildnis beruht auf einem typischen Missverständnis – der Städter. Die haben die Provinz schon immer verachtet. Selten zu Recht.
„"Die wunderbaren Parklandschaften“ der Städte, von denen Hannes Stein schwärmt, sind keine Landschaft und können sie schwerlich ersetzen. Ob die außerhalb der Megacities entstehende „"Wildnis“ ein Zugewinn wäre, dürfte von Region zu Region höchst unterschiedlich sein. Vor allem ist "Wildnis“ keine Idylle, weder für Tiere noch für Pflanzen, sie ist für alle Spezies voller Gefahren. Als rechtsfreier Raum ist sie für den Menschen doppelt gefährlich. Nicht nur wilde Tiere, auch Seinesgleichen haben es auf ihn abgesehen. Wildnis ist ein Raum, den man nicht durchqueren kann – wenn es keine Straßen mehr gibt und keine Züge mehr fahren. Kein Problem, wenn man von Flughafen zu Flughafen jettet? In der Tat.
Die Mehrheit der Menschen wird sich mit den Shoppingmalls und Grünzonen der Metropolen bescheiden müssen, sofern sie es nicht auf den Müllhalden der städtischen Zivilisation noch ein wenig idyllischer haben. Denn die Kehrseite der Megacity sind die Slums an ihrem Rand. Und die Vernutzung der Restnatur für die Bedürfnisse der Stadtbewohner: das Draußen wird zur Müllkippe und, so stellt man sich das offenbar in Deutschland vor, zum Abstellplatz für „Solarparks“ und Windkraftanlagen.
Der Drang der Menschen in die Städte ist nicht nur der Suche nach Freiheit geschuldet, die viele dort vermuten, die der „"Enge“ des ländlichen Raums entfliehen wollen. Er hat vor allem mit der Suche nach Einkommen zu tun. Auch in Deutschland war noch vor 150 Jahren das Land die Kornkammer, in den Kriegsjahren des 20. Jahrhunderts war der Hunger städtisch. Das ändert sich in rasender Geschwindigkeit. Wer seine Ställe nicht auf Massentierhaltung optimieren kann, braucht Lohnarbeit. Heute sitzen viele vorm Computer, die in einem früheren Leben mit der Heugabel hantiert hätte. Das hat seine Vor- und Nachteile, nicht nur, weil man nicht wenigen Menschen anmerkt, dass sie mit einer handfesten Tätigkeit in der Landwirtschaft glücklicher wären.
In der Menschheitsgeschichte spielte die Bändigung der „"Wildnis“ eine große Rolle. Es ist keine provinzielle Sturheit, wenn sich Menschen dagegen wehren, ihre Region zum „"Naturpark“ zu machen. Sie wissen, wie jeder gute Förster, dass die Wildnis keine Bereicherung, sondern eine Verarmung der Lebensformen bedeutet.
Demografie ist eine halbwegs präzise Wissenschaft. Alle Trends zusammengenommen, kann man davon ausgehen, dass die Landbevölkerung in Europa schwindet. Eine Verarmung der Kulturlandschaften kann, muss aber nicht die Folge sein. Statt von der Wildnis zu schwärmen, käme es darauf an, die Provinz neu zu erfinden. Nicht als Biotop zur Belustigung der Touristen. Aber auch nicht als Müllhalde der Urbanisation.

In: die Welt, 22. April 2014

Sonntag, 23. März 2014

100 Tage und kein Ende

100 Tage Große Koalition sind eigentlich keine Bilanz wert. Schließlich ist bislang alles so verlaufen, wie man es sich hat denken können. Die Kanzlerin hält auf bewährte Weise still, Sigmar Gabriel macht geübt den starken Mann und Andrea Nahles arbeitet an ihrer Unsterblichkeit. Mindestlohn, Rente mit 63, Energiewende: alles wie beschlossen und verkündet. Bedenken und andere störende Vorbehalte verfliegen im warmen Wind der Zustimmung, die der Regierung aus dem Volke zuströmt: was sozial aussieht, finden alle gut. Auch wenn es sozial nicht ist.
Angesichts dessen kommt sich furchtbar altmodisch vor, wer da noch an den Sinn der repräsentativen Demokratie erinnert, in der es nämlich nicht darauf ankommt, den Willen des Volkes zu exekutieren, sondern ihn sozusagen zu veredeln im Sinne des Interesses der Allgemeinheit. Doch von solchen Ideen ist die lobby- und klientelorientierte Parteiendemokratie so weit entfernt wie nie.
Die Rente mit 63 betrifft zwar nur eine Minderheit, aber das Signal ist gegeben: die sanfte Erhöhung des Renteneintrittsalters steht wieder zur Disposition, als ob nicht alle Welt wüsste, dass zunehmendes Lebensalter und abnehmende Geburtenzahl die deutsche Rentenformel längst obsolet gemacht haben. Und als ob nicht gerade erst eine Untersuchung bestätigt hat, dass der von lebenslanger harter Arbeit entkräftete Frührentner eine Ausnahmeerscheinung ist unter all den bis in die 80er energiegeladenen Senioren.
Auch die Einführung eines Mindestlohns ist nicht das, was sie zu sein behauptet: sozial. Zur Freude der besitzstandswahrenden Gewerkschaften drängt er die Jungen und die Unterqualifizierten aus dem Markt. Das ist den westdeutschen Arbeitervertretern ja bereits damals nach der Wende prima gelungen: gleicher Lohn für alle hat den Aufbruchswilligen im Osten die einzige Chance genommen, die sie hatten: sich mit niedrigen Löhnen einen Startvorteil zu verschaffen. Wie das geht, kann man in Polen sehen. Stattdessen legte man die neuen Bundesländer an den staatlichen Tropf.
Im Griff mächtiger Lobbies ist auch Sigmar Gabriel eingeknickt, der sich zunächst kühn ans Heiligtum der Energiewende wagte. In der Tat ist das Gesetz zur Förderung der erneuerbaren Energien, da man es leider nicht ersatzlos streichen kann, reformbedürftig. Es hat sich zu einem klassischen Fall für alle entwickelt, die die negativen Folgen staatlicher Subventionen studieren wollen: falsche Anreize führen mittlerweile zu einer gigantischen Geldvernichtung, während die versprochene Energiewende selbst ausbleibt. Energie wird weder sicherer noch erschwinglicher. Das EEG begünstigt Eigenheimbesitzer und Parzelleneigentümer. Man kann das auch Umverteilung von unten nach oben nennen.
Dem energiebedürftigen Industriestandort Deutschland schadet das. Und damit auch der alten Kernklientel der SPD, die übrigens erheblich unter der sogenannten kalten Progression leidet, einer außergesetzlichen Bereicherung des Staates auf Kosten der unteren Mittelschicht, wo jede Lohn- oder Gehaltserhöhung durch Aufrücken in der Steuerprogressionsleiter verloren geht. Das trifft gerade die Facharbeiter.
Die SPD scheint bemüht, alles abzuwickeln, was man ihr bislang zugutehielt. Nein, die Agenda 2010 ist nicht die alleinige Mutter des deutschen Wirtschaftswunders. Aber sie war ein wichtiger Teil, von dem nicht mehr viel übriggeblieben ist. Und so macht sich selbst bei Zynikern die Sehnsucht nach alten Haudegen wie Gerhard Schröder und Franz Müntefering breit, die das in jedem Interview selbstzufrieden auskosten.
Gibt es also nichts Positives zu berichten? Doch! Man muss sich nur ein wenig Mühe geben.
Da ist zum ersten die erfreuliche Tatsache, dass die Kanzlerin wieder ohne Krücken gehen kann. Und zum zweiten: dass Deutschland endlich wieder einen Außenminister hat, der diesen Namen verdient. Und über die Fallstricke des Gesetzes über erneuerbare Energien darf wenigstens geredet werden. Insofern gibt es Hoffnung: dass die SPD wieder ihre Kernklientel entdeckt – jene Arbeiterschaft, der daran liegt, dass Deutschland ein Industriestandort bleibt. Und wo man unter Solidarität nicht versteht, dass dieses Land sich dem Wirtschaftsniveau Griechenlands annähert, sondern dass es, im Gegenteil, stark genug bleibt, um die Hilfe auch leisten zu können, die es anderen so gern anbietet.

23. März 2014, NDR Info, Die Meinung

Montag, 10. März 2014

Lehren aus der Geschichte?

Es schadet gewiss nicht, Despoten verstehen zu lernen – und beim Umarmen kommt man ihnen ja besonders nahe. Es wäre indes auch nicht schlecht, sich vorher seiner selbst zu vergewissern. Dabei hilft der historische Vergleich – manchmal. Und manchmal überhaupt nicht.
Nicht selten verdeckt Erinnerung die Wirklichkeit. Und mindestens so oft dienen historische Analogien der geschichtspolitischen Absicherung politischer Positionen. Hillary Clinton hat Putins Griff nach der Krim mit Hitlers Anspruch auf das Sudetenland 1938 verglichen. Und wir wissen doch, was darauf folgte, oder?
Sicher, die Begründungen ähneln sich, mit denen Hitler Anspruch aufs Sudetenland erhob und Putin nach der Krim greift. Hier wie dort gibt es einen nicht unerheblichen Bevölkerungsanteil, der den Anschluss ans „Vaterland“ wünscht, was zur völkerrechtswidrigen Revision von Staatsgrenzen geradezu einlädt. Und in beiden Fällen liegen wesentliche Ursachen in den unbewältigten Folgen des ersten Weltkriegs und eines Friedensschlusses, der Frieden verhinderte.
Folgt daraus nun die Lehre, man müsse dem Weltmachtaspiranten Putin rechtzeitig militärisch in den Arm fallen, um Schlimmeres zu verhüten, was man 1938 bei Hitler versäumt habe? Selbst Chamberlains Politik des Appeasement war nicht ganz so blauäugig, wie man heute, in Kenntnis des Holocaust, glaubt. Auch Chamberlain hatte aus der Geschichte gelernt: nie wieder Krieg. Nachdem man es in der Julikrise 1914 versäumt hatte, die Eskalation zu verhindern, wollte man 20 Jahre nach dem Ende der großen Katastrophe einen solchen Fehler nicht wiederholen. Das ist nicht ehrenrührig. Und: hinterher ist man immer schlauer.
Das mahnende „Wehret den Anfängen“ eignet sich prächtig zur Erpressung, wie Joschka Fischer wusste, der als Außenminister der rotgrünen Bundesregierung den Deutschen 1999 die Zustimmung zum Eingreifen im Kosovo mit dem Argument abverlangte, man müsse dort ein neues Auschwitz verhindern. Das ist so ziemlich das schärfste Schwert, das man hierzulande zur Verfügung hat, wenn es darum geht, Gefolgschaft zu sichern. Man sollte es auch mal stecken lassen.
Fehlt noch die Frage, wo die Friedensbewegung bleibt. Die Frage ist die Antwort: man darf dort blauäugige Russophilie und ideologischen Antiamerikanismus vermuten. Die Friedensbewegung der 80er Jahre war nunmal moskautreu – und in nicht geringem Maße vom Realsozialismus infiltriert und bezahlt. Aber es spielte auch eine seit dem Dreißigjährigen Krieg tief verwurzelte Urangst mit, die Stillhalten empfahl angesichts eines Szenarios, das Deutschland als den Austragungsort eines atomaren Schlagabtauschs sah. Noch 1991, als es darum ging, Saddam Hussein an der Annexion Kuweits zu hindern, fürchteten viele in Deutschland den Beginn eines Dritten Weltkriegs. Man hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass das Ende des Kalten Kriegs auch ein Ende jenes Friedens bedeutete, der für Westdeutsche bequem war, für die Menschen im Ostblocks allerdings Friedhofsruhe hieß. Mit dem Ende der Sowjetunion wurden begrenzte Konflikte wieder möglich.
Außenminister Steinmeier hat gewiss recht, wenn er die derzeitige Krimkrise als die tiefste Krise seit 1989 bezeichnet. Der Kalte Krieg wirkte wie eine große Käseglocke, unter der die ungelösten Konflikte weiter schwärten. Nicht die EU, das Gleichgewicht des Schreckens verschaffte Europa Frieden. Seither ist die Welt unruhiger geworden, ohne dass es zur finalen Katastrophe kommt, aber die Geschichtsbilder überdauern, die Stillhalten nahelegen.
Und womöglich spielen ja nicht nur Russophilie und Antiamerikanismus ihre Rolle, sondern auch die schlichte Tatsache, dass Russland uns rein räumlich näher liegt als die USA. Deutschland ist zwar lange schon im Westen angekommen, hat aber sehr wohl Interessen, die eher östlich liegen, nicht nur, was die Energieversorgung betrifft. Es ist natürlich von besonderer Pikanterie, dass Deutschlands Sonderweg in Sachen Energiepolitik es stärker an die russischen Gaslieferungen bindet als uns lieb sein kann.
Auch die neuerliche Debatte über die Rolle der Großmächte im Ersten Weltkrieg und die Abkehr von der einseitigen Verurteilung Deutschlands lässt sich geschichtspolitisch vereinnahmen. Einem Deutschland, das sich noch immer als schuldig nicht nur am Zweiten, sondern auch am Ersten Weltkrieg sieht, ist schwer einzureden, dass es nun wieder machtpolitisch Verantwortung übernehmen soll. Schließlich haben wir doch gesehen, wohin Weltmachtambitionen führen, oder?
Dieses Argument, von einigen Verbündeten bereits seit längerem als „Drückebergerei“ kritisiert, soll für das große und wirtschaftlich mächtige Deutschland nun nicht mehr gelten. Doch es wird nicht einfach sein, die Deutschen davon zu überzeugen. Deutschland war nie Weltmacht, und bevor es sich in diese Rolle einüben konnte, war es mit seinen Ambitionen bereits gescheitert. In zwei verlorenen Weltkriegen hat man hierzulande auf machtpolitisches (oder gar geostrategisches) Denken verzichten gelernt. So einfach wird es sich nicht wieder einüben lassen.
Wer mit den Rebellen auf dem Maidanplatz gefiebert hat, wird sich mit dem vorsichtigen Lavieren von EU und USA nicht anfreunden können. Doch was ist die Alternative? Man muss Putin entgegentreten? Ihn hindern? Die Instrumente zeigen? Vielleicht. Wenn man kann. Und solange man nicht seinerseits Geschichtspolitik betreibt.
Warum nicht abwarten, wie sich die Dinge in der Ukraine selbst entwickeln? Die Aufteilung des Landes nach dem Vorbild der Tschechoslowakei ist keine völlig abwegige Option. Und: auch moralisch oder menschenrechtlich begründeteter Interventionismus kann machtpolitisch missbraucht werden. Wo Moral vernebelt, sind Interessen durchschaubar. Weshalb die immer wiederkehrende missbilligende Frage, warum die USA hier, aber nicht auch dort interveniert haben, müssig ist: natürlich muss sich jedes militärische Eingreifen einbinden lassen in das mäßigende Gerüst von Interessenspolitik. Auch „die Guten“ greifen nur dort ein, wo es ihnen nützt. Und manchmal sind sie noch nicht einmal „gut“.
Was tun? Im Unterschied zu vielen gelehrten Ratgebern weiß ich es nicht. Außer: Nerven bewahren und alle Geschichtsbilder bannen, die sich allzusehr in den Vordergrund drängen.
Die Welt, 10. März 2014

Montag, 3. März 2014

Nebelwerfer 2

Mutig? Wer wäre es nicht gern! Wir alle wären von morgens bis abends die reinsten Mutbürger, hätten wir nicht mit profanen Dingen zu tun wie Geld verdienen und Steuern zahlen. In weiser Einschätzung der geringen Mutkapazität der Bürger kümmern sich daher professionelle Mutmacher in Politik und Medien um geeignete Themen, bei denen mutig beizupflichten allen leicht fällt.
Mutig „gegen rechts“ zu sein ist dabei die leichteste Übung, schon mit „Rock gegen rechts“ ist man dabei, manch einer seit Jahrzehnten. So billig kommt uns Widerstand nie wieder! Auch in den Kampf gegen Angstkrankheiten reihen wir uns gern ein: wir sind gegen „Homophobie“, „Xenophobie“, ja selbst gegen „Transphobie“ sollen wir sein, wie es der deutsche Koalitionsvertrag fordert, auch wenn wohl die wenigsten wissen, wovor sie da keine Angst haben dürfen.
Nun, wer an die Jubelchöre denkt, die angesichts des Coming-Out eines deutschen Fußballidols erschollen, dürfte begriffen haben: Mut lohnt sich! Immer. Es ist einfach zu schön, mit den richtigen und guten Einstellungen konform zu gehen.
Das ist ja der Sinn dieser Sorte Mut. „Mutmacher“ erzeugen Konformität. Mutig ist demnach, wer das Selbstverständliche im Brustton des Widerstands fordert. Das schafft Gemeinschaftsgeist, dessen Inhaltsstoffe die bestallten Mut- und Meinungsmacher in Politik und Medien vorsortiert haben.
Wirklichen, nonkonformen Mut braucht man heutzutage für ganz andere Sachen. Oder trauen Sie sich vielleicht, öffentlich gegen den beliebten „Kampf gegen rechts“ zu argumentieren, weil Sie glauben, dass auch „Irre“ – Zitat Joachim Gauck - und andere Menschen ein Recht auf ihre, wenn auch vielleicht blöde, Meinung haben? Na, sehen Sie!
Zugegeben, diesbezüglich Voltaire zu zitieren, ist zwar auch nicht sonderlich mutig: „Le droit de dire et d’imprimer ce que nous pensons est le droit de tout homme libre, dont on ne saurait le priver sans exercer la tyrannie la plus odieuse.“ Sich darauf verpflichtet zu fühlen, schon eher.

Nebelwerfer, Kolumne im Schweizer Monat, April 2014

Samstag, 1. März 2014

Nebelwerfer 1

Der Mensch steht im Mittelpunkt und darf damit als größtes Hindernis für klare Sicht betrachtet werden. Er ist nicht nur in aller Munde, jedenfalls der Politiker, er verursacht auch Gedrängel, weil seine Vertreter ihn unermüdlich abholen und in den Arm nehmen wollen. Wo vom Menschen die Rede ist, gebe man acht: seine Anrufung vernebelt alles, was Sache ist. Das ist natürlich Absicht. „Mensch“ erzeugt so ein schönes, warmes Gefühl, beginnt mit „M“ wie Mama und endet mit einem besänftigenden „Schschsch...“, mit dem man Kleinkinder zu beruhigen versucht. Mensch ist Nähe. Beim Kuscheln braucht es keinen Weitblick.
Dem Menschenbild vieler Volksvertreter zufolge ist der Mensch ein unreifes und hilfsbedürftiges Wesen, um das man sich unermüdlich kümmern muss. Daraus ist eine ganze Kümmerindustrie geworden, die auf höchstem Niveau professionelle Wärme verbreitet. Wer diese soziale Errungenschaft nicht hoch und heilig hält, verbreitet soziale Kälte. Und das ist, na klar, unmenschlich.
Unmenschlich – das ist so einer wie Thilo Sarrazin. Der sei gefühlskalt, hieß es in der Debatte über sein Buch „Deutschland schafft sich ab“, weil er „den Menschen“ auf Zahlen und Statistiken reduziere. Politiker brauchen keine Analysen, hielt ihm eine Politikerin entgegen. Denn sie kenne „meine Menschen“.
Und so löst sich die Wirklichkeit auf in ein menschliche Wärme erzeugendes Gekuschel und Gewimmel, in dem niemand mehr den Überblick hat, weil keiner den Kopf über die Menge zu erheben wagt. Das Menscheln ist der stärkste Nebelwerfer, über den die öffentliche Sprache verfügt, vor allem, wenn es sich auf höhere Moral beruft.
Als unmenschlich gilt, wer da nicht mitfühlen will. Doch was wäre das Unmenschliche am Menschen? Noch die größte Schandtat ist menschengemacht. Dem Menschlichen ist nichts Unmenschliches fremd.
Und deshalb bleibt der wahre Menschenfreund kühl und sachlich. Auf den Verstand kann man sich meist besser verlassen als auf das Gefühl.

"Nebelwerfer" heißt meine regelmäßige Kolumne im "Schweizer Monat", die erste erschien im Märzheft 2014.
Der Schweizer Monat ist eine ehrwürdige und zugleich überaus frische Angelegenheit - "freiheitlich, sachlich, mit Lust an der Debatte". Hier gibt es das "intellektuelle Knistern", das man in Deutschland nur noch selten findet.

Montag, 20. Januar 2014

Darf man um deutsche Soldaten trauern?

Über Europas Zukunft kann man nicht reden, wenn man über seine Vergangenheit schweigt. Sprechen wir also davon. Kein Jahr ist schließlich besser dazu geeignet als das soeben beginnende. Im Jahr 2014 bestimmt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, an den Ursprung des katastrophischen 20. Jahrhunderts, die Agenda. In Großbritannien hat die Regierung beträchtliche Mittel für die Zentenarfeiern zur Verfügung gestellt. Und in Frankreich wird die Anzahl der Besucher mächtig anschwellen, die schon jetzt Jahr für Jahr die Schlachtfelder an der Westfront besuchen.
Die Franzosen versammeln sich vor allem bei Verdun, der lothringischen Stadt an der Maas, einem geradezu mythischen Ort der Erinnerung. Die Briten pilgern an die Somme, nördlich von Paris, dort, wo ihre Streitkräfte die heftigsten Gefechte und die größten Verluste ihrer Geschichte hinnehmen mussten. Die Gedenkstätte bei Verdun mit der endlosen Reihe weißer Kreuze vermittelt ein Gefühl für die „Blutmühle“, in der der Gegner ausbluten sollte, wie General Falkenhayn Sinn und Zweck des Stellungskrieges benannte. An der Somme sind die Zeichen vergangenen Schreckens nicht weniger präsent. Hier liegen rund 400 Friedhöfe zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald, dazwischen Kapellen und Denkmäler. Tausende weißer Steine, auf vielen ein Name, auf manchen nur die Inschrift: „A Soldier of the Great War. Known unto god.“
Jahr um Jahr, am 1. Juli 1916, dem Tag, an dem britische Infanterie ihren Angriff auf deutsche Stellungen an der französischen Somme begann, liegen rote Mohnblumen dort, wo die Spuren der großen Materialschlachten noch heute sichtbar sind: Granattrichter, zerschossene Bunker, die verwaschenen Konturen der Schützengräben.
An der Somme hat das britische Empire in einer ebenso tapferen wie waghalsigen und nutzlosen Offensive Bataillon um Bataillon geopfert, das Regiment der Neufundländer etwa wurde fast vollständig aufgerieben. Nur die deutschen Opferzahlen übertreffen die der Briten.
Grund also auch für uns, zu trauern. Dafür geeignete Orte gibt es genug. Doch vielleicht ist jener Ort besonders geeignet, an dem sich Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr des Gedenkens mit Frankreichs Präsidenten François Hollande treffen wird: im Elsass, genauer: am Hartmannsweilerkopf in den Vogesen.
Auf dem Kämmen der Vogesen lagen sich deutsche und französische Soldaten Jahr um Jahr gegenüber, kaum 30 Meter voneinander entfernt, verschanzt in Tunneln und Gräben. Die Gipfelkuppe wurde bestürmt und erobert, insgesamt acht Mal wechselte sie den Besitzer. „Männerfresser“ heißt der Hartmannsweilerkopf seither. In den Laufgängen und Stollen starben fast 30 000 deutsche und französische Soldaten. Ab 2015 wird es hier eine gemeinsame Gedenkstätte geben. Es ist ein angemessener Ort für die Trauer auch um deutsche Soldaten. Den Franzosen, die sich um die Gedenkstätte bislang allein gekümmert haben, liegt daran.
Umso verwunderlicher, dass sich der deutsche Bundespräsident „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen“ kann, „die damals durch uns bekämpft wurden“, wie er jüngst dem Spiegel gegenüber bekannte. Man möchte ihn ungern missverstehen. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob das Leid der deutschen Soldaten etwa keinen Respekt verdient?
Die ehemaligen Kriegsgegner jedenfalls lassen es daran selten mangeln. Es scheint eine deutsche Eigenheit zu sein, sich die Trauer um jene zu verbieten, die millionenfach starben, weil die europäischen Staatsmänner aus einem begrenzten Konflikt, dem zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, einen Weltkrieg werden ließen. Gewiss, das Deutsche Reich gehörte zu den Verlierern des Krieges. Aber ist das ein Grund, sich von der eigenen Geschichte und seinen Vorvätern abzuschneiden?
In Deutschland ist die Erinnerung an den 1. Weltkrieg überschattet von dem Gedenken an die Verbrechen Nazideutschlands und an den 2. Weltkrieg. Und in politischen Sonntagsreden, in Schulstuben und Redaktionen, grassiert häufig noch immer die Vorstellung, Deutschland sei nicht nur am zweiten, sondern auch am ersten Weltkrieg schuld, die Schützengräben des Großen Krieges hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern habe.
Doch die These, deutsches Weltmachtstreben habe den Ersten Weltkrieg verursacht, die nach den 60er Jahren die Debatte dominierte, hat sich längst erledigt, ebenso die Vorstellung, es gebe eine Kontinuität deutscher Geschichte, in der das Dritte Reich kein Ausrutscher, sondern logische Konsequenz gewesen sei. In den aktuellen Büchern von Christopher Clark oder Herfried Münkler ist dieser Paradigmenwechsel anschaulich zusammengefasst.
Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 war mehr als ein bloßer Anlass und Österreich hatte jeden Grund, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Doch erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus. Alle Spieler haben sich verzockt, alle haben ihren Anteil an der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die außer ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – höchstens, weil sie Russland mehr fürchteten als Deutschland.
War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren „Greuel“ beim Durchmarsch durch Belgien, als „gottgesandter Vorwand“ für eine britische Intervention, wie die spätere Frau des britischen Schatzkanzlers Lloyd George damals schrieb? Mit dem britischen Eingreifen jedenfalls wurde der Konflikt wahrhaftig global.
Dass es in diesem Ringen um große Dinge gegangen wäre, um den Kampf zwischen Kultur und Zivilisation, so die deutsche Interpretation, oder um einen Kreuzzug gegen „Barbarei“ und „ungezähmte Machtgier“ des Kaisers, wie es von britischer Seite hieß, ist im besten Fall eine Notlüge, im schlimmeren Fall Propaganda. Sie dient der Sinngebung des Sinnlosen. Wie sonst hätte man den Tod von 10 Millionen rechtfertigen können?
Für manche unter unseren europäischen Nachbarn mögen die neuen Erkenntnisse bedrohlich sein, sie rühren an die eigenen nationalen Legenden: etwa in Großbritannien, wo man sich derzeit darüber streitet, ob der Krieg ein „gerechter Krieg“ gewesen sei, um ein nach Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen – oder ob sich, im Gegenteil, nicht gerade die britische Seite vorwerfen lassen müsse, dass ihre politische Führung im eigenen Machtinteresse einen zunächst begrenzten Konflikt auf Weltniveau katapultiert hat.
Doch davon ganz abgesehen: Was kann ein Sieg noch bedeuten nach einem vierjährigen Schlachten mit zehn Millionen Toten, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle für die Zivilbevölkerung?
Der amerikanische Präsident Wilson sprach damals von einem Krieg, um allen Krieg zu beenden. Doch das Ergebnis war ein Frieden, der keinen Frieden zuließ. Tatsächlich hatte das große Sterben nicht ein einziges Problem gelöst, aber dafür viele neue geschaffen. Der Krieg gebar die bolschewistische Revolution. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten „Volk und Führer“ zusammengefunden, eine der geschicktesten Propagandalügen des Joseph Goebbels. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten.
Ist etwas daraus zu lernen? Man sollte nicht allzu optimistisch sein. Und doch wird uns das bereits jetzt anschwellende Erinnerungstheater womöglich eine Erkenntnis vermitteln: dass die Ursünde des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame ist. Und dass sich in den Schützengräben keine Feinde gegenübergelegen haben, hier perfide Briten, dort verlogene Franzosen und überall blutrünstige Deutsche, sondern Männer, die wahrscheinlich ähnliches erlitten und empfunden haben: Opfer einer gigantischen Kriegsmaschinerie zu sein, die über sie hinwegrollte und viel zu viele unter sich begrub.
Die europäische Ursünde teilen wir. Die Trauer auch. Niemand muss sich davon ausschließen. Auch die Deutschen nicht.

Siehe "Gedanken zur Zeit", NDR und WDR, 19. Januar 2014