"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Montag, 22. Juli 2013

Soziologen, Experten und andere Spinner

Die „Alternative für Deutschland“? „Vergleichbar mit der Tea Party“, Botschaft: es gebe dort „antidemokratische und homophobe Tendenzen“. Quelle: ein „Soziologe aus Münster.“ Gefunden: beim „Spiegel“ dieser Woche.
Beim „Focus“ – Fakten, Fakten, wir erinnern uns –mutiert der Münsteraner Soziologe gleich zum „Experten“, der sich „besorgt über rechtspopulistische Tendenzen der Partei“ äußert, „die zum Anziehungspunkt extremer Wählergruppen werden könnten.“
Und wer ist dieser Wissenschaftler aus Münster, der „Experte“, der in der neuen Partei „demokratiefeindliche Tendenzen“ festgestellt hat? Auch wenn die Partei natürlich nicht offen zugebe, dass sie das Wahlrecht einschränken will? Woraus wir wohl schließen sollen, dass sie es heimlich will?
Andreas Kemper, 50, wird weder vom „Spiegel“ noch vom „Focus“ nach beweisstarken Belegen gefragt. Seine Behauptung, Vorstandsmitglied Konrad Adam habe „schon mal implizit“ gefordert, Arbeitslosen das Wahlrecht abzuerkennen, ist es jedenfalls nicht. Wer das entsprechende Zitat nachliest, stellt fest: implizit ist ein schöner Ausdruck für etwas, das einer weder gesagt noch „gefordert“ hat.
Wer dennoch ganz schnell das Buch des „Experten“ kaufen möchte, das „Rechte Euro-Rebellion“ betitelt ist, wundert sich über den „Spiegel“ und staunt über den „Focus“. Ein Blick ins Internet hätte geholfen (früher hätte man das Recherche genannt).
Das Buch des Experten ist in einem Verlag erschienen, der die Fahne der Antifa hochhält, um nicht von Propaganda-Schriften zu reden (das tun wir nur implizit). Auf Kempers Website begegnet man einem Menschen mit eher eingeschränktem Wirklichkeits- und Wissenschaftsverständnis, der sich mit „Klassismus“ und „Maskulismus“ bestens auskennt, aber zwischen liberal und konservativ nicht zu unterscheiden weiß – ist ja alles irgendwie rechts, von links aus gesehen. Im öffentlich-rechtlichen Mainstream würde man ihn wahrscheinlich zum „Aktivisten“ adeln. Zu einem „Experten“ gar noch für die AfD macht ihn das nicht.
Dazu adeln ihn Nachrichtenmagazine, die offenbar mittlerweile jeden linken Spinner für eine seriöse Quelle halten.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Der gefesselte Riese

Die Deutschen selbst wollen mit überwältigender Mehrheit keineswegs "führen". Aus historisch gespeister Empfindlichkeit dem Wort gegenüber. Aus Bescheidenheit. Vielleicht auch aus Faulheit. Und – weil man es nie gelernt hat. Bevor das Deutsche Reich Großmacht werden konnte, verlor es den Ersten Weltkrieg. Und seit dem Zweiten Weltkrieg ist "Führung" ein schmutziges Wort.
Diese Gründe für schuldbewusste Bedenken und bescheidene Zurückhaltung mögen zwar falsch und längst überholt sein, aber die Euro-Krise ist nicht gerade der geeignete Anlass, um mit dem Führen anzufangen. Nicht, weil dann wieder jemand Angela Merkels Bild mit Hitlerbart versehen könnte. Sondern weil die Situation nicht danach ist. Denn wie man es auch anstellt: Die Deutschen sitzen in der Falle.

Tut die Bundesregierung, was jeder normale Gläubiger tun würde, erwartet sie also von ihren Schuldnern, dass sie so schnell wie möglich dafür sorgen, dass sie die ihnen gewährte Hilfe auch zurückzahlen können, wird die Bundeskanzlerin von wütenden Demonstranten als Nazisse beschimpft, die ein deutsches "Diktat" ausüben wolle. Die Fotos auf den Titelseiten griechischer und portugiesischer Zeitungen sind uns noch lebhaft in Erinnerung.

Schnelle Schuldentilgung, heißt es neuerdings, sei im Übrigen ein unzumutbarer Eingriff in die Kultur südeuropäischer Länder, die ein anderes Arbeitsethos hätten als wir. In der Tat. Hilfe kann entmündigen. Sollte man da nicht zweimal nachdenken, bevor man Geld gibt?

Übrigens: Dass man hierzulande auf Kanzlerbeleidigungen, Nazi-Vergleiche und moralische Erpressung entspannt reagiert, mag manch einer souverän finden. Unsere nationalstolzeren Nachbarn dürften darin eher Schwäche erkennen.

Gibt die Kanzlerin wiederum umstandslos den Zahlmeister (was sie de facto tut), verstößt sie gegen den Verfassungsauftrag, riskiert ihren noch immer großen Rückhalt in der Bevölkerung und beginnt, die Kuh auszuhungern, die man doch weiterhin melken will.
Rational ist das nicht. Während die anderen Euro-Staaten längst wieder ihren ureigenen Interessen den Vorrang geben, ignoriert die Bundesregierung zudem das Haushaltsrecht des Bundestages – vorgeblich des auch moralisch höheren Ziels Europas wegen.

Doch mit der Forderung nach "mehr Europa" als Ausweg aus der Krise steht Deutschland längst allein. Es sind vor allem die Bündnisgenossen, die sich auf einen Souveränitätsverzicht nicht einzulassen wünschen. Dass ein Teil der deutschen Öffentlichkeit zu glauben scheint, Souveränitätseinbußen sei der Preis, den Deutschland der Vergangenheit wegen zu zahlen habe, ist nationaler Masochismus, den niemand honoriert.
Es sind nur noch die Deutschen, die ein sentimentales Interesse an diesem Europa haben. Historisch ist das nachvollziehbar: Für die Bundesrepublik bedeutete die Europäische Union nie ein Instrument der Machtausübung, das war die französische Agenda, wo man unter "Einbindung" gern Fesselung verstand. In der alten Bundesrepublik erhoffte man sich von der Selbstfesselung Akzeptanz.
Nun stellen die vereinigten Deutschen fest, dass sie, gleichgültig was sie tun, noch immer nicht geliebt werden. Vielleicht sollte man den Wunsch danach endlich aufgeben. Respektiert werden ist auch was Schönes.
Achtung hat sich das Land längst erworben. Selbst in Großbritannien, wo das "Kraut-Bashing" viele Jahrzehnte zu den Volkssportarten gehörte, mag man die Deutschen, weil und solange sie erfolgreich sind. Im Vereinten Königreich erkennt man auch keinen Grund für eine historisch begründete Bescheidenheit: Deutschland sei vorbildlich im Umgang mit vergangener Schuld. Also vorwärts!

Doch auch diese Ermunterung zur Leadership hat ihre Haken. Deutschlands Macht in Europa beruht auf seiner wirtschaftlichen Stärke. Wer hier Führung anmahnt, möchte meistens, dass die Bundeskanzlerin ihre "Merkelnomics" (Denis MacShane) aufgibt, ihren "Austeritätskurs", ihr "Spardiktat".
Stattdessen soll Deutschland mutig und risikofreudig "retten", also: Geld ausgeben. Dagegen spricht nicht nur ökonomische Weitsicht, sondern auch das Mandat der Kanzlerin, Schaden vom eigenen Volk abzuwenden. Schon jetzt vollzieht sich eine gewaltige Enteignung der Steuerzahler. Und das ist erst der Anfang.
Die entscheidende Frage lautet: Warum ist eigentlich immer nur von Deutschland die Rede, wenn es ums Führen in Europa geht? Wo sind die Partner? Wo ist französische Leadership zu erkennen, wo bleiben die Briten?

Euro-Europa droht an der Unfähigkeit der politischen und wirtschaftlichen Eliten seiner Mitgliedsländer zu scheitern, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein starker Währungsverbund braucht. Denn da ist das Grundproblem des Euro: Seine Einführung gründete in erster Linie auf Wunschdenken, nicht auf ökonomischer und politischer Vernunft.
Nach zwei Weltkriegen, nach 45 Jahren Teilung und eingeschränkter Souveränität ist Deutschland ein gefesselter Riese. Angela Merkel, die einst "durchregieren" wollte, hat, wie alle Regierungschefs vor ihr, schnell gemerkt, dass unser politisches System Führung nicht begünstigt. Es ist nicht aufs Entscheiden ausgelegt, sondern aufs Verhandeln, auf Kompromiss- und Konsensbildung – etwas, worin Angela Merkel stark ist.
Strategische Ziele aber geraten dabei aus dem Blickfeld. Religiös verbrämte Großziele wie "Klimaschutz" oder "Energiewende" mögen beim linksökologischen Wähler-Mainstream beliebt machen, wo man die Weltrettung nicht mehr Superman alleine überlassen will. Die wichtigeren Dinge aber spielen sich nun einmal unterhalb aller großen und letzten Dinge ab.

Deutschlands Rolle in Europa und der Welt zu definieren etwa ist durchaus anspruchsvoll – mag sein, dass sich manch einer im Außenministerium davon überfordert fühlt.

Doch auch darin könnte Führungsstärke liegen: Europa anders zu denken, auch so: Europa ohne den Euro zu denken. Hoffentlich macht sich schon jemand Gedanken darüber. Gut möglich, dass die Ruhe vor dem Sturm nur noch bis zum Tag nach der Bundestagswahl am 22. September währt.
Zuerst in: Die Welt.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Schlesischer Wein. Alles fließt, oder: come together

Das durchdringende Geheul der Jerichotrompeten, mit denen 87 Stuka in den Morgenstunden des 1. Septembers 1939 die polnische Stadt Wielun heimsuchten, hat Zbigniew Czarnuch noch heute im Ohr. Damals war er neun Jahre alt und lebte ganz in der Nähe. Er sah die Menschen flüchten, erlebte, wie der Vater in den Untergrund ging, und empfand dennoch, wie er breit lächelnd erzählt, als großen Vorzug der deutschen Besatzung, dass er nicht mehr zur Schule gehen musste. Der Junge wurde Herr über 100 Schafe und lernte statt grauer Theorie ein lebendes Dorf kennen, in dem jede Kreuzung und jede Brücke ihre Geschichte hat. Seither ist er der Meinung, dass menschliche Ansiedlungen sprechen.
Der 82jährige, ein kleiner Mann mit weißem Schnurrbart, vollem Haar und handfestem Charme , empfängt in einer mit Büchern und Zeitungen vollgestopften Dreizimmerwohnung, serviert Tee und alkoholgesättigten Kuchen und bietet Wodka an, wonach den Besuchern um 15 Uhr noch nicht ist. Außerdem glaubt man dem Lehrer und Heimatforscher auch ohne Alkohol, dass die Steine zu ihm sprechen – jede Brücke eine Legende, jede Straße eine Story, jedes Haus ein vielstimmiger Gesang. Czarnuch hat ein feines Gehör – auch für Menschen.
In Witnica (Vietz), wo er seit 1945 lebt, weil der Vater einen Posten in der neu aufzubauenden Verwaltung bekam, blieben die Steine lange Zeit stumm. Es gab ja keine Alteingesessenen mehr, die Deutschen waren geflüchtet oder vertrieben, und die jetzt dort gelandet und gestrandet waren, waren ebenfalls nicht freiwillig gekommen. Die kommunistische Führung erzählte zwar gern, sie würden nun in „wiedererlangten Gebieten“ siedeln. Vietz gehörte 1250 zu den Gütern des Templer-Ordens. Die polnischen Piasten hatten ihren Einfluss längst verloren.
Der junge Czarnuch wollte keine deutschen Stimmen hören, als überzeugter Kommunist befreite er Vietz mit dem Hammer von deutschen Symbolen und Emblemen und übermalte deutsche Schilder und Aufschriften. Als er Jahre später die Geschichte von Witnica schreiben wollte, merkte er, dass der Ort nicht zu ihm sprach. Erst der Kontakt zu den einst vertriebenen Deutschen, zunächst aus der DDR, nach 1989 auch aus dem Westen, öffnete Türen und Ohren. Ein Ort lebt nur, wenn alle Stimmen gehört werden, sagt Czarnuch. Also auch die der vertriebenen Deutschen, späte Besucher, die ihn berührt und gerührt haben.
Czarnuch hat keine Geschichten zu erzählen von anmaßenden Deutschen, die nach Schlesien kommen, um den Verlust ihres Eigentums zu beklagen. Er hat sie offenbar nie getroffen. Im übrigen sei nicht zu bestreiten, dass es bei der Vertreibung der Deutschen, die ihren sämtlichen Besitz zurücklassen mussten, alles andere als korrekt zugegangen war. Für seine Verdienste um die Verständigung zwischen Polen und Deutschen wurde er 2009 mit dem Georg-Dehio-Kulturpreis ausgezeichnet. Es gehöre Mut dazu, meint er, zuerst Mensch zu sein, bevor man sich als Pole empfindet.
Damit machte man sich nicht nur im kommunistischen Polen unbeliebt. Das hören auch heute dort viele nicht gern. Aber vielleicht fällt dieser Mut in Schlesien leichter als anderswo in Polen?
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Ob Schlesien nicht die geeignete Landschaft wäre für den sanften Übergang von Deutschland zu Polen, für ein langsames Verschmelzen in naher Zukunft? Piotr Firfas, unser Fremdenführer durch Zielona Gora, das ehemalige Grünberg, stimmt mit leuchtenden Augen zu, wenn man ihn das fragt. Er hat in Gießen und Germersheim studiert und spricht ein hervorragendes Deutsch. Natürlich gehören hier Polen und Deutschland zusammen, das Deutsche ist schließlich an allen Ecken und Enden präsent, Häuser und Straßen sprechen beide Sprachen, und die Fiktion von der Stunde Null im Jahr 1945 wird längst nicht mehr gepflegt. Im Gegenteil: In Grünberg hat man erkannt, dass es dem Fremdenverkehr förderlich ist, wenn man Geschichte vorweisen kann.
Die Geschichte, etwa, der Weinbauregion um Grünberg herum. Im Weinmuseum kann man alten Fässern und deutschen Namen begegnen. Bereits 1250 sollen Mönche vom heute opulent barock restaurierten Kloster Paradies mit dem Weinbau begonnen haben. Mit 200 ha liegt hier, auf 51° 56` nördlicher Breite und 15° 31` östlicher Länge, das nördlichste geschlossene Weinbaugebiet der Welt.
Die jahrhundertealte Weinbautradition wurde mit der Vertreibung der Deutschen beendet. Es gab 1945 niemanden, der sie hätte fortführen können. Vom kollektivierten Weinanbau im kommunistischen Polen gibt es nichts zu berichten, das Experiment endete 1960. Doch schon 1990 begannen Pioniere, die Weinberge am Hang der Oder wiederzubeleben. Und sie erkannten die Vorteile, die es bringt, an einen alten Ruf anzuknüpfen.
Mit Grempler & Co entstand 1826 in Grünberg die erste deutsche Sektkellerei, die jährlich bis zu 800 000 Flaschen Sekt weltweit auslieferte. Was nicht Sekt wurde, machte man zu Cognac: Albert Buchholz gründete hier „die größte Cognac-Brennerei Deutschlands nach reichsamtlicher Statistik“. Die Vorfahren zweier Spitzenwinzer im australischen Barossa Valley, Peter Lehmann und Johann Christian Henschke, stammen aus der Grünberger Gegend.
Heute gibt es auf gut 100 Hektar etwa hundert Winzer. Mit 6 Ha das größte Weingut dürfte Stara Winna Góra sein, aufgebaut von Marek Krojzig, der sein Geld mit Schaumstoff verdiente, bevor er auf seinem Grundstück bei Cigacice (Tschicherzig) alte Reben entdeckte und sich für den Weinanbau begeisterte. In Weingut und Hotelanlage ist viel investiert worden, allerdings nicht nur Geschmack, und die Häuser mit Walmdach und viel Holz spiegeln Tradition vor, die es nicht gibt. Hier trinken die gehobenen Kreise Polens ihren Riesling oder Regent. Den Wein kann man nur auf dem Gut kaufen, und im Verhältnis zur Qualität ist er teuer.
Das Gegenstück zum Prestigeobjekt Stara Winna Gora ist Roman Grads Weinberg Julia, der gerade mal 0,1 Hektar hat. Expertise und Reben kommen hier wie dort nicht selten aus Geisenheim.
Obwohl Polen seit 2005 als Weinland anerkannt ist, sind die Grünberger Weine nicht im freien Handel zu haben. Die bürokratischen Hürden sind hoch, sie zu überwinden ist teuer. Für Touristen ist das nicht ohne Vorteil: die Karte der Lebuser Wein- und Honigstraße verzeichnet 26 Winzer, bei denen man einkehren und probieren kann. Die eine oder andere Rebe wächst zudem im Park eines alten Herrenhauses.
Die Weinmacher sind eine internationale Community. Wer Winzer ist, hat viele Freunde – nicht zuletzt in Deutschland, wo Weltklasseweine gedeihen. Wein verbindet. Auch so wächst etwas zusammen.
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Wer sich in Christel Fockens Obhut begibt, sollte aufpassen: die starke Frau mit den kräftigen Händen hat in einem ihrer vielen früheren Leben eine Szenebar in Berlin betrieben. Heute ist sie Vorsitzende des von ihr gegründeten Bundesvereins Privater Historiker. Seit fünfzehn Jahren erkundet sie einen Teil des „Ostwalls“, den 35 Kilometer langen Mittelabschnitt der östlichen Frontlinie, der eigentlich „Festungsfront Oder-Warthe-Bogen“ heißt. Ihre Instruktionen für die Führung sind militärisch knapp: keine Protzautos. Keine Stöckelschuhe. Kein Schnaps. Übeltäter werden von der Führung ausgeschlossen. Warnung: „Sie bringen sich sonst um interessante Erlebnisse!“ Was muss die Frau bei ihren Führungen wohl alles schon erlebt haben? Leichtbekleidete Damen? Betrunkene Heil-Hitler-Gröler?
Am Tag unserer Führung regnet es in Strömen. Vor dem Eingang in den Bunker stehen Männer und Frauen in überaus korrekter Kleidung, in Tarnanzügen und Regencapes, als ginge es in eine Tropfsteinhöhle. Nicht für jeden ist der Besuch ein Abstieg in die Vergangenheit, der Untergrund ist auch bei Radfahrern und Paintball-Spielern beliebt. Im Treppenhaus seilen sich Todesmutige ab. Wir benutzen die völlig intakten Stufen.
In den langen Gängen selbst ist es gleichmäßig kühl temperiert und trocken. Das einzig Martialische sind die Graffiti an den Wänden. Nazi-Grusel ist nicht das Spannende an der gigantischen Anlage aus Bunkern, Panzerwerken und raffinierten Brückenanlagen. Sie ist ein Wahrzeichen deutscher Ingenieurskunst und so kriegsbedeutend wie die französische Maginot-Linie. Also gar nicht. Denn der imponierende Bau hat seine Feuertaufe nie erlebt.
1934 begann man mit dem Bau, 1939 verfügte Hitler den Baustopp. Er hielt den Festungsbau im Westen für dringlicher. Vor allem aber habe man keinen Bedarf für Festungen, „die nur zur Konservierung von zahlreichen Nichtkämpfern dienen“. Als man die Anlage gegen die vorrückenden Russen hätte gebrauchen können, war sie nicht mehr funktionstüchtig, man hatte sie weitgehend ausgeschlachtet. Auch fehlten Soldaten, um sie auf die Schnelle in Betrieb zu nehmen. Die Rote Armee überrollte sie.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Ostwall zunächst von den Russen und später von der Polnischen Armee genutzt. 1957 war es damit vorbei, der Ostwall war vergessen. Heute ist er eine Attraktion, um die sich Christel Focken verdient gemacht hat. Der Bürgermeister von Meseritz (Międzyrzecz ) hat sie zur „Ehrenbotschafterin“ der Anlage ernannt.
Bunkertourismus also. Und warum nicht? Was soll man auch sonst mit der Anlage machen? Sie ist ein deutsches Erbe, das fest mit der Landschaft verbunden ist, man kann es ihr nicht mehr entreißen. Am besten arrangiert man sich damit.
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Das Bier ist gut, der Wodka ebenfalls, das Essen schmeckt und der Wein kommt aus Australien, weil der Grünberger ja nicht ausgeschenkt werden darf. Zum Frühstück gibt es Tütentee und Nescafé, gefüllte Eier, nahrhafte Salate, schwere Kuchen. Wir übernachten in einer alten Johanniterburg und in einem prächtigen Herrenhaus, beide trächtig mit deutsch-polnischer Geschichte. Im Herrenhaus wird passenderweise eine deutsch-polnische Hochzeit gefeiert. Niemand jammert über Deutschland, und es ist auch keine Angela Merkel mit Hitlerbärtchen zu sehen. Weil Polen keinen Euro hat? Das hat für Touristen einen unschätzbaren Vorteil: Noch kann man sich die Preise dort leisten.
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Polen ist einer unserer engsten Nachbarn. Kaum ein Land hat bessere Voraussetzungen, um die Drehscheibe zwischen Ost und West werden. Junge Polen, die erkannt haben, dass ihr Land zum Mittler taugt, sprechen russisch, deutsch und englisch. Während der Euro Nord- und Südeuropa entzweit, verbindet sich hier im Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland ganz allmählich etwas, zaghaft, uneingestanden, schüchtern. Das, was einst Schlesien war, ist die denkbar schönste Brücke.