"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Sonntag, 27. Januar 2013

Arme Opfer

Was ist eigentlich peinlicher: betüddelte alte Dödel, die sich an junge hübsche Dinger ranwanzen? Oder all die jungen hübschen Dinger, die so tun, als ob sie sich gegen plumpe Anmache betüddelter alter Dödel nur mit massenhaftem öffentlichen Aufschrei wehren könnten? Wenn schon ein wenig gelungener Auftritt eines offenbar nicht mehr ganz nüchternen Politikers in einer Bar zur späten Stunde alle weibliche Welt über „Sexismus“ wehklagen lässt, dann frag ich mich, wie wir künftig Verhalten nennen wollen, das wirklich sexistisch ist. Weil es handgreiflich und gewalttätig Frauen ihrer Freiheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit beraubt. Und nicht nur unangenehm ist wie ein Handkuss (Brüderle) oder eine Hand auf dem Oberschenkel (der Fahrlehrer) oder eine Anzüglichkeit, für die der Kerl ein deutliches Wort oder zur Not auch eine Ohrfeige verdient, aber doch bitte keinen landesweiten Aufstand der entrechteten und entehrten Frauen der Republik. Herrscht hier schon der Taliban? Also!
Kann man euch etwa nicht mehr allein in die Kneipe gehen lassen? Oder in die Hotelbar? Oder an andere Orte, wo sich Männer aufhalten könnten, die noch nicht umerzogen sind? Und, sorry, hat euch die Frauenbewegung denn wirklich gar keine Einsicht hinterlassen? Dort hieß es einst: „Die Arbeit am Mann ist einzustellen.“ Warum? Weil sie nichts nützt. Manche Männer kann man nicht belehren. Aber man kann sich gegen sie wehren – am besten nicht erst ein Jahr später, sondern gleich. An einer öffentlichen Hotelbar sollte das nicht schwerfallen.
Man kann dumme Sprüche ignorieren. Man kann sie ironisch kontern. Man kann die biedere Anmache lächerlich machen. Man kann das alles souverän an sich abperlen lassen. Man muss auch nicht beleidigt flüchten, es sind ja noch andere in der Bar. Vielleicht Jüngere und Hübschere. Und schließlich, sollte wirklich alles nichts nützen und man vor der verdienten Ohrfeige zurückschrecken: ein wohlplaziertes Glas Wein, Bier oder Wasser ins Gesicht macht spitze Männer schlagartig stumpf. Und dann lächelnd sagen: „Dieses Glas geht auf meine Rechnung.“
Aber das ist offenbar zu praktisch gedacht. Es ist womöglich gar zu männlich gedacht. Denn viele Frauen wollen Probleme keineswegs lösen. Sie wollen sie behalten, schon um der Welt zu zeigen, wie unendlich verbesserungswürdig sie ist. Mann soll sich ändern. Die Welt soll sich ändern. Nur sie selbst nicht. Sie sind ja Opfer.
Das ist das Hinterhältige am Opfer-Diskurs: er schließt aus, dass man etwas dagegen tun könnte, ein Opfer zu sein. Denn dann wäre man ja auch den Opfer-Bonus los – oder darf man das jetzt wieder nicht sagen, wegen „Opfer-Abo“? Ach was. Man muss es sagen. Frau müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass es beides gibt: Frauen, die sich als Opfer geben, ohne es zu sein, und eine Öffentlichkeit, die es nicht wagt, Frauen zuzutrauen, dass sie selbstbewusste Subjekte mit keineswegs ausschließlich nur gutem Willen sein könnten. Und damit auch Täterinnen. Ja, doch, es gibt einen Opfer-Bonus. Er bedeutet Entmündigung auf samtweichen Pfoten.
Die meisten Frauen aber sind keine Opfer. Sie können sich wehren. Und manche von ihnen wünschen sich gar keine von dummen Sprüchen und sexistischer Anmache porentief gereinigte und triebbefreite Welt, auch wenn sie das eine oder andere männliche Gehabe übel, empörend oder störend finden. Denn die haben jetzt schon keinen Spaß mehr an den Opportunisten, die ihr geschlechtergerechtes „Zuhörer und Zuhörerinnen“ auch dann noch skandieren, wenn gerade mal eine einzige Alibifrau im Publikum sitzt. Oder an den ewig schuldbewussten Buben, die peinlichst darauf achten, keinen Anlass für ein geschlechtsspezifisches Missverständnis zu geben. Als ob nicht die Möglichkeit eines Missverständnisses das Reizvolle am Flirt ist. Den darf man demnächst begraben, wenn es keinen Raum mehr gibt für Zwischentöne, für alles, was zwiespältig, riskant, hart an der Grenze oder über sie hinaus, andeutend und anzüglich ist.
Schöne neue cleane angstbesetzte prüde Welt. Gegen diese Schreckensvision würde ich gern auch die nicht mehr ganz frischen Herrenwitz-Schwadroneure in Kauf nehmen.
Worum also geht’s? Ums große Saubermachen, weil ein paar Frauen meinen, sie könnten Männern keine Grenzen zeigen? Oder – und jetzt wird’s ganz finster: weil es auch im journalistischen Gewerbe Kolleginnen geben soll, die ihre genetisch bedingten Vorzüge schamlos ausreizen? Denn dass Männer auf primitive Lockspeisen wie Bier und Titten vorhersehbar reagieren, kann frau auch zu ihrem Vorteil nutzen. Der Beispiele sind unendlich viele. Sind diese Kolleginnen unfair? Wenn ja, wem gegenüber? Den Männern, den armen Triebgesteuerten? Oder den anderen Frauen, die keine ganz so dirndlkonforme Strategie verfolgen können oder wollen? Und muss man da der Gerechtigkeit halber für alle den Ganzkörperschleier empfehlen?
In dieser Sache gibt es nicht nur Opfer unter den beleidigten Frauen. Gelitten hat auch der „Qualitätsjournalismus“, auf den man sich beim „Stern“ beruft. Ja, es gibt Verhalten, das man öffentlich machen muss. Annett Meiritz hat das im Spiegel cool und souverän getan, denn was man sich bei Piratens ihr gegenüber geleistet hat, war nicht nur geschmacklos, sondern rufschädigend. Dagegen kann sich eine Journalistin übrigens auf die machtvollste Weise wehren, die sich denken lässt: durch Öffentlichkeit.
Im Fall Brüderle aber wurde das für einen Politiker besonders gefährliche Skandalisieren gezielt als Waffe eingesetzt. Das Opfer ist in diesem Fall der Mann. Und auch die Öffentlichkeit ist ein Opfer: das Eingeständnis, dass Qualitäts-JournalistInnen wesentliche Erkenntnisse an der Hotelbar suchen, erklärt manches und lässt noch schlimmeres befürchten.
Die Welt, 27. 1. 2013

Kommentare:

  1. Sehr gut. Vielen Dank für den konstruktiven Beitrag. Dazu passt auch der Artikel auf faz.de "Prüder in Waffen". Und auf SPON "Frauen, wehrt euch!" von Sibylle Berg.
    Das macht Hoffnung.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Frau Stephan, vielen Dank für Ihren Artikel. Leider wird er im Gutfrauenmainstream mit den neuen Feindbildern "Sexismus" und "Frauenfeindlichkeit" im deutschen "Aufschrei" genauso untergehen, wie "Prüder in Waffen" vom 27.01.2013 mit Analyse der Angelegenheit an der Hotelbar anhand des Stern-Textes.

    Grüße, Erwin Löwe

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank für diesen Artikel, er spiegelt mein Empfinden wieder. Auf keinen Fall möchte ich auf das Spiel zwischen Frau und Mann verzichten. Wenn mir etwas unangenehm ist wehre ich mich sofort. Sexismus im Alltag existiert im Übrigen völlig unabhängig vom Geschlecht.

    AntwortenLöschen
  4. Der Anlass mag weniger schwerwiegend sein, doch das Problem, auf das er aufmerksam gemacht hat, ist es nicht. Nehmen wir als Vergleich einen Unfall mit geringem Sachschaden, der auf eine gefährliche Kreuzung aufmerksam macht. Braucht diese nun nicht entschärft werden, weil ja "gar nicht viel passiert ist"?

    "Man kann dumme Sprüche ignorieren. Man kann sie ironisch kontern. Man kann die biedere Anmache lächerlich machen. Man kann das alles souverän an sich abperlen lassen..."
    Genau! Meine Schuld, wenn ich nicht pfiffig genug bin und immer tolle Sprüche auf Lager habe! Auch wenn mich der Spruch oder die Berührung völlig unvorbereitet trifft.

    Und tun Sie nicht so, als ob nach einem tollen Spruch schon alles gegessen wäre! Häufig geht es dann doch erst recht los, vor allem wenn der Betreffende seinen vier tollen Kumpel zur Unterstützung um sich hat. Und dann? Ach ja, kann ich ja zuschlagen oder ein Bier auskippen. Was sich eine 1,66-Frau gegenüber einem zwei-Meter-Kerl ja NIE überlegen muss, weil Männer alle solche Kavaliere sind und die Retourkutsche reuevoll und einsichtig hinnehmen...

    Man kann gerne über die Grenzen diskutieren. Man kann überlegen, wie man solche Situationen entschärfen kann, damit das Flirten weiter Spaß macht.

    Der obige Artikel hingegen vereinfacht es zu sehr: "wehr dich doch einfach", sagt er - ohne zu beachten, dass dies neue Gefahren bedeuten kann und dass viele von uns der Meinung sind, das gute Recht zu haben, in einer Welt zu leben, in der wir uns gar nicht so häufig wehren *müssen*.

    Ein schöner englischer Text hierzu unter
    http://kateharding.net/2009/10/08/guest-blogger-starling-schrodinger%E2%80%99s-rapist-or-a-guy%E2%80%99s-guide-to-approaching-strange-women-without-being-maced/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Warum hat die Dame das dann nicht gleich vor einem Jahr öffentlichh gemacht? Warum jetzt? Sexismus ist scheisse, garkeine Frage. Aber Sexismus erst dann journalistisch auszuschlachten, wenn er gut ins Geschäft passt, was ist das? Jetzt, über ein Jahr später hat das Ganze ein gewisses 'Geschmäckle'.

      Herr Brüderle war seit Mai 2011 Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag. Das heisst, so eine Nachricht, dass er eine Journalistin anzüglich behandelt hat, wäre gewiss immer recht öffentlichkeitswirksam gewesen. Aber seltsamerweise wird es gerade zu der Zeit veröffentlicht, als die FDP mit Rösler und Brüderle als Doppelspitze in den Wahlkampf ziehen will.

      Oder es kann sein, dass die angemachte Dame erst ein Jahr lang die Erlebnisse mit einem Therapeuten/einer Therapeutin aufarbeiten musste, um sich so von einer 'Schreibblockade' zu befreien.

      Vielleicht ist auch die Redaktion des Stern sexistisch und möglicherweise gab es da um Weihnachten personelle Veränderungen, wodurch die Damen in der Redaktion auch über derartige Themen schreiben können.

      Ich möchte Herrn Brüderle hier nicht verteidigen, aber die Frage, die sich mir stellt: Warum jetzt? Ich verstehe es nicht, ausser es ist eine politische Kampagne. Der Anlass war über ein Jahr her.

      Zur Analogie: Ein Unfall an einer Kreuzung macht niemanden aufmerksam. Erst wenn an dieser Kreuzung statistisch häufiger Unfälle passieren als an anderen Kreuzungen, kann man von einer möglicherweise gefährlichen Kreuzung sprechen. Aber auch dann muss noch untersucht werden, welche Faktoren zu diesen Unfällen führen und welche Möglichkeiten es gibt, die Kreuzung so zu verändern, dass dort weniger passiert.

      Aber dies passiert momentan doch überhaupt nicht. Es wird nicht untersucht, woran es liegt, dass Männer sexistisch sind (von einzelnen Ausnahmen mal abgesehen). Es werden auch ständig Sexismus und sexuelle Belästigung in einen Topf geworfen, kräftig rumgerührt und als ein Brei serviert.

      Es werden überhaupt keine Lösungen gesucht für das Problem des Sexismus, es werden lediglich Anekdoten gesammelt, wie schlimm 'die Männer' sind, vielfach so verallgemeinert, wie ich es eben tat. Und wenn dann doch mal jemand eine mögliche Lösung aufzeigt, indem Frau z. B. klipp und klar sagt "Bitte hören Sie auf, ich möchte das nicht", dann wird Vereinfachung vorgeworfen.

      In der Anekdote sind es 5 große starke Männer gegen eine kleine schwache Frau. Man muss nicht kesse Sprüche reissen, jemandem ein Getränk über den Kopf schütten oder ihm eine runterhauen. Ein bestimmtes 'Nein' sollte in einer zivilisierten Gesellschaft noch möglich sein - das muss man aber auch SO sagen.
      Aber 5 gegen 1 geht auch mit Männer gegen Mann oder Frauen gegen Mann - und in fast allen Fällen wird die Einzelperson unterlegen sein. Wie man sich 'wehren' sollte ist immer situationsabhängig, und jedem Flüssigkeit ins Gesicht schütten, weil dieser einen sexistischen Ausspruch benutzt ist da nicht zielführend.

      Ein Anfang wären hier sicherlich wissenschaftliche Untersuchungen, wie Sexismus entsteht, wie dieser sich äussert und wie man diesem begegnen und ihn eliminieren kann - sowohl in der Entstehung als auch in der Äusserung.

      Für die Journalistin wäre es sicherlich möglich gewesen, das Gespräch abzubrechen, denn es herrschte bestimmt kein Gesprächszwang. Und/Oder Herrn Brüderle deutlich darauf hinzuweisen, dass er derartige Äusserungen zu unterlassen habe. Ein "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin." ist aber kein deutliches "Bitte unterlassen Sie diese anzüglichen Äusserungen".

      Wenn 'Nein' wirklich 'Nein' heissen soll, dann sollte man dieses Nein auch deutlich aussprechen und sich nicht hinter abstrakten Formulierungen verbergen, die auf den Verstand eines angetrunkenen älteren Herren hoffen.

      Löschen