"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Sonntag, 29. Januar 2012

Die neue Geschlechterdebatte - das ewige Wehklagen.

„Ein Mann, eine Frau, eine Bar. Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Es fehlt: der Kuss. Schuld ist: der Mann.“ (Jenny Friedrich-Freksa)

Männer und Frauen sind nicht füreinander geschaffen. Als ob sich das noch nicht herumgesprochen hätte, geht alle Jahre wieder ein Schmerzensschrei durch die Lande, so auch heute. Die Männer seien „verkopft, gehemmt, unsicher, nervös, ängstlich, melancholisch und ratlos“, also Stoßlüfter und Weichspüler, sagt die eine. Zu sensibel, zu nachdenklich, zu lieb, und damit unsexy. „’Vielleicht bin ich beziehungsunfähig?’, fragt der junge Mann entschuldigend.“ (Nina Pauer, Die Schmerzensmänner, Zeit v. 6. 1.)
Die optimierte Frau, eine Art „Indiana Jones mit einem iPhone“, ist selbst dran schuld, wenn die Männer schlapp machen, meint der andere. Jahrelang hat sie an ihm herumgemäkelt und nach dem einfühlsamen Softie verlangt, ihm also gar keine Chance gegeben, den starken Helden zu spielen, den sie neuerdings gern hätte. (Christian Scheuermann, Lieber nicht, Spiegel 3/2012).
Das Ergebnis dieser unermüdlichen Arbeit am Mann? Nette junge Männer mit Bart, lieb, aber unentschlossen. Diagnose: Bindungsangst. Superwoman, patent, aber ungeküsst, die schließlich in die Arme des älteren Herrn sinkt, der Macho genug ist, um zu wissen, wann man zugreift. Diagnose: falsches Männerbild.
Ansonsten bleiben alle Fragen offen. Ist es die Freiheit, die dem Glück im Wege steht, die Freiheit in der globalisierten Welt, aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, weshalb er sich nicht entscheiden kann? Weiß frau nicht, was sie will, ist es die uneingestandene Sehnsucht nach dem starken Mann, die sie so unzufrieden sein lässt? Sind es die modernen Verhältnisse, die beide nicht zueinanderkommen lassen, die Reduktion sozialer Kontakte auf SMS und Mail und Facebook-Freundschaft? Die psychische Verrohung durch Markt und Kapitalismus, die alles zur Ware machen, auch unser Heiligstes, die Liebe? Gute Konjunktur also für Beziehungsratgeber und Rollendeuter, die sich über den bindungsängstlichen Mann („genetisch bedingt“) beugen, vorsichtshalber schon mal „Trennungskompetenz“ einüben lassen und ansonsten empfehlen, die Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Als ob das weiterhilft.

Man könnte auf die Idee kommen, dass an der Problemlage nichts neu ist, seit sich das romantische Ideal der Liebesheirat durchgesetzt hat, also vor vielleicht 200 Jahren. Dass das Elend damals angefangen hat, die überhöhten Ansprüche des Mannes an die Tugend der Frau, und die der Frau an die Gefühle des Mannes. Und doch: etwas klingt anders. Vielleicht, weil die Voraussetzungen für das Gelingen einer Beziehung so günstig sind wie nie? Nina Pauer jedenfalls, Journalistin (Jahrgang 1982), findet, dass nichts gegen „das moderne Beziehungsideal“ spricht, „die frei gewählte, auf romantischen Gefühlen basierende, aber in der Form reziproke Partnerschaft“, seit die „romantische Vollverblendung“ ebenso passé sei wie „die rein zweckrationale Eheschließung.“
Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen! Warum also klappt es nicht? Warum scheitern so viele Beziehungen, bevor sie überhaupt entstehen? Weil Männer bindungsunfähig sind und Frauen eine schwere Kindheit hatten? Oder hat das alles mit individuellen Dispositionen oder der angeblich neuen Unübersichtlichkeit nichts zu tun, ist alles eine Frage der economy, stupid? Haben sich womöglich Bindungen wie Ehe und Familie erledigt, weil es keine handfeste Notwendigkeit mehr dafür gibt?
Tatsächlich: ob die Zeit wirklich reif ist für die Partnerschaft halbwegs Gleichaltriger „auf Augenhöhe“, ist keineswegs ausgemacht. Gewiss wäre es beruhigend, wenn sich die Sache mit der romantischen Verblendung namens Liebe mal langsam erledigt hätte. Sie ist und bleibt die schmalste Basis für das, was sich offenbar noch immer viele Menschen wünschen: Für eine Beziehung, vielleicht nicht ein Leben, aber einen guten Lebensabschnitt lang. Schon deshalb kam es unseren Altvorderen übrigens vermessen vor, ein so umfassendes Projekt wie Ehe und Familie auf ein bloßes Gefühl zu gründen. Die Leidenschaft verglüht erfahrungsgemäß nach ein, zwei Jahren, und was ist mit dem Rest der Zeit? Ein „Rest“, der sich dank steigender Lebenserwartung enorm verlängert hat, wer heute früh freit, kann siebzig Jahre oder länger zusammenbleiben. Solche Ehen brauchen ein anderes Fundament als Sex, Liebe, Leidenschaft. Etwas weit Ordinäreres. Resignation und Gewohnheit, etwa, im schlechteren Fall. Freundschaft, wenn es gut geht.
Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, eine Wahnvorstellung, wie manch abgeklärter Zeitgenosse nicht ganz zu Unrecht vermutete. Das jedenfalls ist die Botschaft, die man der tragischen Geschichte von Emma Bovary entnehmen kann. Flauberts Romanfigur hat die falschen Bücher gelesen und deshalb an die Liebe geglaubt – die große, überströmende, alles umfassende Leidenschaft samt heiligem Schauer und religiöser Entrückung. Das kann ja nicht gut gehen! In der Tat. Es endete mit Arsen.
Dem Pragmatiker ist Emma Bovary ein hirnloses Opfer ihrer Gefühle. Gewiss, die Ehe mit einem biederen Landarzt ist vielleicht nicht die Erfüllung aller weiblichen Träume und es schadet nicht, auch mal nach einer Alternative zu schauen. Aber muss man sich in falsch verstandenem Liebeswahn den ganz und gar falschen Mann an den Hals werfen? Wo bleibt da der Verstand?
Verstand? Da lächelt der Romantiker. Geht nicht das Trachten und Sinnen aller romantisch Liebenden genau dahin, in einem einzigen ekstatischen Moment alles auszuschalten, was der bedingungslosen Leidenschaft im Wege steht, vor allem Vernunft und Kalkül? Herrliche, selbstvergessene Hingabe, rückhaltlose Aufgabe, flutende Empfindungen, Ozeanisches, Unendliches. Ungesundes.
Denn bitter ist, wenn diese Hingabe nicht auf Gegenliebe stößt. Dann ist die Kränkung tief, fühlt sich die hoffnungslos Liebende in ihrer ganzen Person entwertet – statt dankbar zu sein für die Rettung aus dem Wahn, auf ein uferloses Gefühl eine Welt gründen zu können.
Tatsächlich: Es spricht viel dafür, dass Bindung ein anderes Fundament braucht. Die Ehe, eine Institution, die sich erst ab dem frühen Mittelalter europaweit durchsetzte, war lange Zeit eine stabile und verlässliche Basis, zu stabil für alle, die sie als Zwangskorsett empfanden. Sie ist keine Erfindung der Kirche und schon gar nicht Folge von Liebe, die jedoch ebensowenig ausgeschlossen war. Ehe als Institut entsprach den Interessen von Adel und Bauerntum, war dort wichtig, wo es ein Erbe zusammenzuhalten galt, galt also nicht dem individuellen Glück des Paares, sondern dem Erhalt und dem Fortkommen der Familie. Und so kamen die Paare zusammen: im völlig zweckrationalen Geist des Familieninteresses.
Da nicht alle Eltern Unmenschen gewesen sein dürften, hatte eine geschickte Ehepolitik gewiss auch das künftige Wohl der zu Verheiratenden im Sinn, dort jedenfalls, wo man zusammen lebte und arbeitete. Das Brautpaar sollte zusammen passen, wofür das gemeinsame Interesse am Familienwohl keine schlechte Basis war. Den Frauen kam insofern das schlechtere Teil zu, als sie nicht selten im Kindbett starben, schon deshalb war der heilige Bund der Ehe nicht für die Ewigkeit. Doch nicht nur in der Landwirtschaft verbot sich die schlechte Behandlung der Gattin, die im elementaren Sinne Hausherrin war, von deren Fleiß und praktischem Geschick die Existenz abhing. Ein Narr der Mann, der das nicht begriff.
Waren das Zwangsheiraten? Sicherlich oft. Doch das Drama von Romeo und Julia, die einer Familienfehde wegen nicht zusammenkommen durften, war schon zu Shakespeares Zeiten großes Kino, also kein Spiegel der Wirklichkeit. Man kann jedenfalls nicht davon ausgehen, dass das eheliche Glück ausgeschlossen war, als man noch nicht auf die romantische Liebe setzte und auf die freie, voraussetzungslose Entscheidung ungebundener Individuen. Und die pragmatische Sicht auf das Fundament der Beziehung war zwar nicht sonderlich romantisch, aber – siehe nicht nur Emma Bovary - überlebensnotwendig.
Warum wollten Männer im Mittelalter heiraten, und warum wollen sie es heute nicht mehr? Ein Mann ersehnte im Mittelalter die Ehe nicht des Geschlechtsverkehrs wegen, der war auch anders zu haben, sondern weil nur, wer verheiratet war, einen Hausstand gründen und ein vollgültiges Mitglied der Gemeinschaft werden konnte. Im mittelalterlichen Europa waren die ungebundenen jungen Männer Explosivstoff, also all jene, die nicht, als Erstgeborener, das Erbe antreten durften oder zum Klerus gehen mussten. In Konkurrenz um die wenigen verfügbaren Erbinnen pflegten sie einander im beständigen Streit zu dezimieren – was nüchternen Zeitgenossen immer noch günstiger erschien als die Alternative. Die kannte man bereits: marodierende Gruppen frustrierter Mannen, die, von überschüssigem Testosteron und der Ziellosigkeit ihrer Existenz getrieben, ganze Landstriche terrorisierten.
Und die Frauen? Einigen von ihnen dürfte das klösterliche Leben erfüllender vorgekommen sein als die Aufgabe, einen Erben zu produzieren. Doch all die anderen Damen waren sicher nicht weniger machtbewusst als die Männer. Von der Arbeit und der guten Haushaltsführung der Frauen hing viel ab – manchmal alles. Das wussten beide Seiten.
Ökonomie und gesellschaftliche Strukturen gaben Rollen vor, in denen man gefangen war. Einerseits. Die, andererseits, dem Leben Sinn verliehen. Viele moderne Klagen hören sich an, als ob ziellose Individuen schlicht nichts mit sich anzufangen wüssten.
Dabei entscheiden sich auch die modernen Einzelgänger, so behaupten jedenfalls die Soziologen, keineswegs ohne jene Faktoren zu beachten, die unter unfreieren Bedingungen ihre Rolle spielten. Man heiratet auch heute nicht selten innerhalb des eigenen Milieus, wenn nicht gleich des Standes. Und wenig bindet stärker als gemeinsame Interessen. Dass aus einer Ehe, die Projektcharakter hat, auf lange Sicht und wenn man Glück hat, enge Freundschaft wird, weil die Leidenschaft irgendwann verglüht, ist nicht das Schlechteste, was man ihr nachsagen könnte.
Und deshalb, ganz ketzerisch gefragt: Warum eigentlich soll, obzwar Menschen doch auch rationale Wesen sind, ausgerechnet eine so weitreichende Entscheidung wie eine Bindung an einen anderen Menschen nicht dem Kalkül unterliegen? Vielleicht ist es der Mythos der von allen rationalen Erwägungen freien Wahl, der heute die Kluft zwischen den Wünschen von Männern und Frauen so weit aufgerissen hat. Vielleicht ist es die Vorstellung, es gehe hier wie nirgendwo sonst im Leben um eine rein individuelle und von nichts und niemandem beeinflusste Entscheidung, die sie so schwer macht. Vielleicht haben gleichaltrige Männer und Frauen schlicht und ergreifend unterschiedliche Interessen, die beide ihre Berechtigung haben. Vielleicht passen sie wirklich nicht zusammen.
Wozu braucht ein Mann heute eine Frau? Zu Goethes Zeiten hatte dessen Frau Christiane alle Hände voll damit zu tun, den Haushalt so zu organisieren, dass der Hausherr zu jeder Jahreszeit seinen Wein und seinen Schinken vorfand, was ausgefeilte Logistik, penible Vorratshaltung und saubere Buchführung voraussetzte. Heute gibt es Restaurants und Supermärkte, Frittenbuden und Tiefkühlkost, und der Mann von Welt schafft es sogar, für sich und seine Angebetete Erlesenes zu kochen, wenn es denn der Verführung dient. Ansonsten nimmt er seinen Drink auch gern allein.
Und die Frau? Kann alles allein, kann alles selbst, mittlerweile zu ihrem Leidwesen. Hat einmal zu oft geschnöselt, als ihr jemand die Tür aufhalten oder ihr aus dem Mantel helfen, ihren Koffer tragen oder das Kaminholz hacken wollte. Zeigt ihm, dass sie ihn nicht braucht, den Mann, der sie auch nicht braucht. In diesem luftleeren Raum hat in der Tat höchstens die Emotion Platz – aber warum gleich für eine kleine Ewigkeit, auf die sie nicht angelegt ist?
Der Kinder wegen?
Nun, heutzutage höchstens des einen Kindes wegen. Wenn es schon keine ökonomischen oder gesellschaftlichen Zwänge zum Heiraten gibt, so gilt das erst recht fürs Kinderkriegen. Seit man sich für (oder gegen) Kinder entscheiden kann, ist es eine Sache der Emotion (oder der Hormone) geworden. Kalt kalkuliert: auch Kinder werden nicht gebraucht.
In früheren, härteren Zeiten waren sie als Arbeitskräfte nötig – oder als Erben und Nachfolger, die ihren Altvorderen das Altenteil zu sichern hatten. Das war einmal, als es noch kein Versicherungssystem gab, das die Altersversorgung vom eigenen Nachwuchs unabhängig machte. Die Frage, wer, wenn nicht der Nachwuchs, uns mal die Rente erarbeiten soll, ist falsch gestellt: Das tut jeder, der in die Rentenkasse einzahlt, egal, wie jung oder wie alt er ist. Und dass die Menschheit ausstirbt, wenn sich niemand mehr findet, der sich fortpflanzt, ist zwar ein gutes Argument und völlig richtig, aber sicher nicht das Motiv, das Mann und Frau in die Betten lockt.
Der Zwang der wechselseitigen Abhängigkeit mag ein guter Beziehungskitt sein - für das Verhältnis zwischen den Generationen stimmt das übrigens nicht. Das hat sich dank des abstrakten Rentenprinzips sogar ungemein verbessert, ja: hat das Gefühl plötzlich eine neue Chance erhalten.
Dass die Rentenkassen Nachwuchs brauchen, ist ein schwaches Argument für ein Kind. Im deutschen Umlagesystem braucht es eine vernünftige Relation zwischen Rentenbeziehern und Beitragszahlern, egal, wie alt die sind. Die Verlängerung des Renteneintrittsalters und der verstärkte Zugriff auf die früher oft ungenutzte Ressource der Frauen erfüllen den gleichen Zweck.
Doch damit verstärkt sich nur das Dilemma. Frauen (und Männer) wollen Kinder, auch wenn sie nicht benötigt werden. Frauen aber müssen sich den „Kinderwunsch“ erfüllen, wenn lebensgeschichtlich gerade anderes ansteht, wenn sie sich mit voller Kraft in den Beruf oder gar die Karriere stürzen: weil, wie es so unschön heißt, „die biologische Uhr tickt.“
Die tickt natürlich nicht. Aber trotz aller medizinischen Fortschritte gilt noch immer, dass das günstigstes Lebensalter fürs Kinderkriegen bei Frauen unter dem 35. Lebensjahr liegt. Just dann, wenn der gleichaltrige Mann sich noch nicht sicher ist. Ob er will. Und wenn ja, wann. Und vielleicht doch noch nicht jetzt, Liebling?
Doch wer zu lange zögert, hat verloren. Und jetzt erweist sich die Überlegenheit eines Paarungsmodells, das keineswegs neu ist, aber aktuell zu sein scheint: „Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien (...) der Profiteur der Schluffi-Krise“ (Christoph Scheuermann).
Erfolgreiche junge Frauen heiraten ältere Männer und machen, den starken Silberrücken hinter sich wissend, Karriere – man denke an Michelle Müntefering oder Doris Schröder-Köpf. Und wer weiß, was wir von Maike, der Frau von Altbundeskanzler Helmut Kohl, zu erwarten haben. Junge Männer stehen während dessen melancholisch an der Theke, sehen zu und scheinen darauf zu warten, dass sie endlich alt genug sind, um es ihrerseits mit der Partnerschaft (mit einer jüngeren Frau) zu versuchen.
Ja, natürlich, bei solchen Ehen zwischen Jung und Alt wird auch Liebe im Spiel sein. Doch man bedenke ebenso die vielen rein pragmatischen Gründe für den älteren Herrn an ihrer Seite: Der hat seine Karriere oft schon hinter sich, stört also nicht bei der eigenen, sondern befördert sie sogar. Gegen Nachwuchs hat er erst recht nichts einzuwenden: Vaterschaft im Opaalter schmeichelt schließlich der eigenen Potenz.
Dagegen haben fusselbärtige Gitarrespieler a la „Ich möchte lieber nicht“ oder „Ich kann mich noch nicht binden“ keine Chance. Doch womöglich vermissen sie noch nicht einmal etwas. Denn es gibt ja noch die älteren Frauen. Die sind beruflich erfolgreich, können für ihre Drinks selbst zahlen und haben das Kinderkriegen entweder hinter sich oder hatten es nie vor. Haben dafür aber noch immer Freude am Mann, manchmal sogar an melancholischen Pulloverträgern, die Mädchenmusik mögen.
Was soll man da sagen?
Nur Mut.
In: NZZ, 26. Januar 2012

Montag, 2. Januar 2012

Unsere ethischen Eliten

Lasst sie doch, die Briten, Franzosen, Griechen. Lasst ihnen ihre kleinlichen nationalen Rachegefühle und ihre altbackene Bilderwelt, in der stets Deutsche im Stechschritt marschieren, wenn eine deutsche Regierung mal unvorsichtigerweise tut, was ihnen nicht gefällt. Das ist ihr Problem. Kurioser ist, dass man in Deutschland stets schuldbewusst zusammenzuckt, wenn die anderen mit nationalen Vorurteilen kommen – gern auch vorauseilend.
Warum eigentlich? Die Höflichkeit gebietet schließlich, zwischen Volk und Regierung zu unterscheiden. Bei Diktaturen fällt das leicht. In Demokratien sollte es noch leichter fallen, schließlich kann man hier ziemlich präzise angeben, wer „schuld“ ist an der jeweiligen Regierung: Selten auch nur die Mehrheit der Wahlberechtigten, da die Zahl der Nichtwähler in allen Demokratien eine relevante Größe ist.
Also nur Mut, liebe Deutsche! Ihr seid nicht an allem Unglück der Welt schuld. Noch nicht einmal dem Herrn Hitler habt ihr eine Mehrheit geschenkt, jedenfalls nicht, so lange es noch freie Wahlen gab. (Wem gefühlte Mehrheiten nicht ausreichen: Reichstagswahlen 6. November 1932: 33, 1% der abgegebenen Stimmen für die NSDAP.) Es war Hindenburg, der Hitler zum Reichskanzler machte – und dem Ermächtigungsgesetz am 24. März 1933 stimmte nicht das Volk, sondern die im Reichstag noch vertretenen Parteien zu (mit Ausnahme der SPD). Also das, was man die bürgerliche Elite nennt.
Nicht, dass diese Erkenntnis das Volk von allen Dummheiten freispräche. Aber es spricht dafür, die Gegenwartsanalyse von historischen Analogien zu befreien. Mit alten Vokabeln neue Gefahren zu erfassen, führt auf die falsche Spur. Der militante Islam ist kein Islamo-Faschismus, das ist richtig, was ihn deshalb nicht gleich zu einem teetrinkenden Kuscheltier macht. Und den Euro, die EU und Europa sollte man nicht für eine alte Agenda missbrauchen, an die sich vor allem hierzulande der links und gut denkende Mensch zu klammern pflegt: die Welt vor den Deutschen und die Deutschen vor sich selbst zu schützen, also Deutschland „einzubinden“, indem man es möglichst schwächt, wirtschaftlich wie politisch, bis es endlich verschwunden ist, aufgegangen in einem höheren und edleren Gemeinwesen namens Europa.
Doch was als Garant des Friedens gedacht war, zeigt derzeit vor allem seine zerstörerische Seite: Der Euro zwingt zusammen, was nicht zusammenpasst, und zieht die „Idee“ von Europa gleich mit hinunter in den Morast von Misstrauen und Neid. Wenn man das Volk fragte, bekäme Euro-Europa derzeit keine Mehrheit.
Ach, das Volk. Das viel gescholtene, dem keiner traut, obzwar alle Naselang die Rede davon ist, dass es mehr entscheiden und häufiger partizipieren soll. In Deutschland hat das Misstrauen gegen den großen Lümmel sogar Verfassungsrang. Bekanntlich wird nur die Hälfte aller Abgeordneten direkt gewählt, die andere Hälfte kommt über die Listen der Parteien ins Parlament, und es entspricht der Natur der Sache, dass listentauglich ist, wer sich parteikonform gibt. Die Parteien genießen gerade in Deutschland mehr Macht, als ihnen (und den Wählern) gut tut. Auch zeigt die Stärke der Nichtwähler, dass die Gewählten über eine eher schwache Legitimität verfügen: bezieht man die Wahlergebnisse jeweils auf alle Wahlberechtigten, fußt die schwarzgelbe Koalition lediglich auf knapp 34 % Wählerzustimmung.
Und das Parlament? In der Debatte um die Staatsschuldenkrise schien der deutsche Bundestag gewillt, auf Souveränitätsrechte wie die Selbstbestimmung über das nationale Budget zu verzichten. Und noch heute sind gewählte Abgeordnete eine Antwort auf die Frage schuldig geblieben, warum die Bundesbürger nichtgewählten Institutionen wie einer Zentralbank mehr Vertrauen schenken sollten.
Nein, das deutsche Wahlvolk hat hierzulande ganz und gar keine Gelegenheit, sein womöglich furchterregendes Potential auch auszuüben. Es überlässt seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland mehr und mehr wesentliche Entscheidungen den Eliten – zumindest, wenn sie in der roten Robe der Bundesverfassungsrichter daherkommen. Wollte man mit Lehren aus der Geschichte argumentieren, so wäre just davor zu warnen: waren es nicht bürgerliche Eliten, die die Welt und Deutschland an Hitler ausgeliefert haben?
Aber lassen wir das Spiel mit den historischen Analogien. Interessanter ist die Frage, warum der Ruf nach den „weisen Eliten“ wieder lauter wird. Von den Klimarettern kennt man das schon. Dort ist man seit langem der Meinung, dem Wahlvolk sei nicht zuzutrauen, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, weshalb Klimafragen zu Menschheitsfragen erklärt werden müssten, über die eine „ethische Elite“ wacht. Wer das sein soll? Ach, das findet sich schon. Meistens bescheinigt sich die Elite ja selbst jene Weisheit und Ethik, an die der Rest der Welt glauben soll, wie man in jeder Talkshow besichtigen kann, in denen Heiner Geissler oder Helmut Schmidt das Sagen haben. Erkenntnis ist hier selten zu erwarten.
Nein, wir haben nicht zu viel Demokratie hierzulande. Weshalb man dennoch an ihr manchmal verzweifeln möchte, liegt an dem, was ihren Charme ausmacht. Ein Diktator kann befehlen. In der Demokratie muss das Wahlvolk überredet werden, entweder charmiert und hofiert oder belogen und hinters Licht geführt. Die Überredungskunst, die sich materieller Mittel bedient, mag dabei auf lange Sicht noch am unschädlichsten sein, obwohl sie an der Wurzel der Staatsschuldenkrise liegt. Das Wohlstandsversprechen, das Parteien relevanten Wählergruppen machen, trägt ja nur zum Schuldenberg bei, mehr nicht. Und dagegen helfen schließlich Steuererhöhungen, oder?
Schlimmer sind jene historischen Analogien, vor denen Jan-Werner Müller zu Recht warnt: Saddam Hussein? Ein neuer Adolf Hitler. Intervention im Kosovo? Um ein neues Auschwitz zu verhindern. Gewiss: Diktatoren befehlen ihre Untertanen ins Feuer. In einer Demokratie aber kann den militärischen Einsatz der eigenen Bürger nur zweierlei rechtfertigen: Selbstverteidigung und Menschheitsfeind. Überredungskunst und Manipulation sind Geschwister.
Das Dringlichkeitspathos in der Euro-Debatte ist von dieser Art. Nein, Europa geht nicht unter, wenn der Euro nicht überlebt. Und Deutschland ist nicht der Vergangenheit wegen in der Pflicht. Um verbale Abrüstung wird gebeten. Und, in der Tat, um eine neue Debatte über das Volk, seine Eliten und die Demokratie.
In: Die Welt, 2. Januar 2012